Die Tiefenschichten der Liebe. © thomas m. jauk.

 

 

 

Was ihr wollt. Willam Shakespeare.

Komödie.                  

Dariusch Yazdkhasti, Anna Bergemann. Staatstheater Braunschweig.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2018.

 

 

Befragt nach seiner Vorliebe für überaus gross angelegte Titelsequenzen, antwortete der französische Cineast armeni­scher Herkunft Henri Verneuil, das Publikum müsse gleich von Anfang an "le plaisir du cinéma" empfinden können. Und genau das sinnliche Vergnügen, das durchs Wort "plaisir" ausge­drückt wird, weckt nun Dariusch Yazdkhastis beglückende Inszenierung der Shakespeare-Komödie "Was ihr wollt".

 

"Le plaisir du théâtre" wird schon dadurch wachgerufen, dass das Stück bei geschlossenem Vorhang beginnt. Wenn man von den Umgängen her in den Theatersaal blickt, fällt das Auge nicht auf die Banalität einer offenen Bühne, wo Leute so tun, als seien sie durch eine stumme Beschäftigung dermassen absor­biert, dass sie die hereinkommenden Zuschauer nicht bemerken. Sondern Braunschweig bietet den kostbaren, weil seltenen Anblick eines numinos leuchtenden roten Vorhangs, dessen Falten in undurchdringlichen schwarzen Schatten liegen. Durch ihn werden die Bereiche klar getrennt: Hier Bühne, da Zuschauerraum. Hier Gegenwart, dort unbestimmte Traumzeit.

 

Das Erlebnis der Sinnlichkeit im Theater wird gesteigert, als das Licht ausgeht und sich der Vorhang in der Mitte zu bewegen beginnt, aber nur gerade so wenig, um einen Menschen erscheinen zu lassen. Und hier ist schon die Hand des Regisseurs zu spüren, die das Spiel mit einer solch stupenden Sicherheit und Sensibilität organisiert, dass man erkennt: Hier ist ein Talent am Werk!

 

Nun öffnet sich die Tiefe der Bühne. Die Gestalt, die nach hinten geht, wird vom Nebel verschluckt, während die Brandung immer vernehmlicher anrauscht, und jetzt erkennt man Wellen, und in diesen Wellen treiben Schiffbrüchige, die mit nassen Kleidern und tropfenden Haaren ans Land steigen. Und damit sind wir wo, mein Fräulein? In Illyrien! Im Reich des liebeskranken Herzogs Orsino, der vergebens nach der schönen Prinzessin Olivia schmachtet.

 

Das wild wogende Meer beruhigt sich, und die Wasserfläche verwandelt sich in einen Pool, an dem Schmarotzer und reiche Müssiggänger ihre sinnleere Zeit mit Koksen, Saufen und infantilen Spässen totschlagen. Damit kommt eine kritische Dimension in die poetische Inszenierung. Und während das Bühnenbild von Anna Bergemann Tiefe und Höhe des Theaterraums durch überraschende Veränderungen immer wieder lebendig macht und ins Spiel einbezieht, lotet die Regie die Tiefenschichten von Liebe, Brutalität und Menschlichkeit aus, und in der perennierenden Nachtschwärze bekommen alle Figuren einen breughelschen Charakter. Quel immense plaisir du théâtre!

 

Es gehört zum ungewöhnlich weiten künstlerischen Horizont dieser Braunschwei­ger Produktion, dass die alten vertrauten komischen Gestalten von Rülps, Bleichenwang und Narr zwar rollenadäquat aufgefasst werden, aber so, wie man sie noch nie gesehen hat, nämlich seriös. Das heisst anrührend, nicht lächerlich. Und nun erst die noblen Gestalten Orsino, Viola, Sebastian. Sie ergänzen die reiche Inszenierung durch den Ton der Redlichkeit.

 

Die Menschlichkeit von Dariusch Yazdkhastis Theaterauffassung zeigt sich darin, mit welcher Liebe er sich dem Schicksal der kleinen Figuren zuwendet. Wie er Antonio und Bleichenwang einen Moment lang den schüchternen Traum eines gemeinsamen Glücks zugesteht und wie er zum Finaljubel der glücklichen Paare den Auftritt des geschundenen Malvolio mit seinem Haupt voll Blut und Wunden in Kontrast setzt, das unterstreicht, dass grosses Theater nur durch eine grosse künstlerische Spann­weite zustandekommt. - Sofern die Aufführung sie auszudrücken vermag. Und da hat, es sei nicht verschwiegen, die Produktion ein paar Leerstellen. Drei Schauspieler sind artikulatorisch ungenügend; zwei von ihnen sind auch als Darsteller unbefriedigend. Wenn sie den Mund bewegen, verliert die Szene alle Kraft, das Drama lahmt. Als das der Taxifahrer vernimmt, ruft er: "Dem wäre doch durch Logopädie abzuhelfen!" Ja, es stimmt. Bloss: Warum weiss das in Braunschweig der Taxifahrer, nicht aber die Schauspielleitung? Ich frage.

Müssiggänger und Kokser. 

Infantile Angeber.

Selbstlose Helfer.

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