Waiting for Cyril or The Happy People.

Burleske.

Gastspiel des Action Theatre London im Galerietheater "Die Rampe", Bern

Der Bund, 9. März 1978.

 

 

Die Macht des Schauspiels

 

Über das Programm des Action Theatre London eine Kritik zu schreiben, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Zu gut versteht die Truppe die Kunst, das Publikum zu beflügeln und zu wecken und gleichzeitig den kritischen Sinn einzuschläfern. So dass man hintendrein in Schwierigkeiten gerät, wenn man die Darbietung streng nach den Regeln des Fachs analysieren soll.

 

Zwei Stunden lang stand man nämlich im Bann einer Aufführung, bei der man sich, die kritischen Massstäbe und die Welt um einen herum völlig vergass. Aber nicht im Sinne des Abschaltens, wo man eintaucht in stumpfe Gleichgültigkeit. Sondern im Sinn der Konzentration, wo man, mit gesteigerter Aufmerksamkeit, sich nichts von dem entgehen lässt, was auf der Bühne geschieht; wo das Interesse keine Sekunde erlahmt, sondern fortwährend Nahrung und neue Genüsse findet.

 

Wenn man sich also an den Schreibtisch setzt, um eine Kritik über das Action Theatre London zu schreiben, ist nicht zu vermeiden, dass am Schluss eine Hymne auf vier Schauspieler daraus wird.

 

Vivienne Bazil-Corbin, Dorai Green, Arne Narnestad und Beat Fontana ist nämlich zu verdanken, dass alle Schichte des Stücks "Waiting for Cyril or The Happy People" zum Ausdruck kommen, seine funkelnde Ironie ebenso wie der hintergründige, echt britische Nonsens. Sie haben alle Qualitäten, die man von Schauspielern erwarten darf und denen man in Wirklichkeit so selten begegnet. Sie sind hellwach, ganz bei der Sache und doch nie verkrampft. Ein falsches Lachen im Publikum wirft sie nicht aus dem Gleis, sondern sie nehmen es auf in ihr Spiel, und ihr Können ist so sicher, dass Raum bleibt für das Unvorhergesehene und die Improvisation.

 

Ausserdem sind sie ungemein wandlungsfähig, aber in einem ungewöhnlichen Sinn. Es geht ihnen nicht darum, den Zuschauer bloss zu verblüffen, sondern ihr Wandel wirkt stets unaufdringlich, genauer: natürlich. Das heisst, man glaubt ihnen stets, was sie spielen, und vergisst ganz, dass sie vorher jemand anderes waren. Nie merkt man blosse Absicht, nie muss man über Halbgelungenes hinwegsehen. Und was das Schönste ist: Im Gegensatz zu den meisten deutschen und französischen Schauspielern fehlt ihnen jene zeigefingerhafte Betulichkeit, mit der sie den Zuschauern unter die Nase reiben, wie schwer das eigentlich ist, was sie leisten. Sondern hier wirkt alles leicht, locker, wie wenn nichts weiter dabei wäre. Fazit: Wer den Glauben ans Theater verloren hatte, beim Action Theatre kann er ihn wieder finden.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt 0