Almut-Marita Grytzmann.

Song-Programm.            

Gastspiel im Theater 1230, Bern.

Der Bund, 6. November 1979.

 

 

Vampire – leider ungefährlich und blutarm

 

Was der Leiter des Kleintheaters 1230 als Experiment ankündigte, ist im Grunde genommen ein unbestreitbares Verdienst: Das Ansetzen einer Nachtvorstellung, die um 22.30 Uhr anfängt und gegen Mitternacht aufhört.

 

Damit wird all jenen, die nach dem Kino oder nach einem guten Essen noch nicht ins Bett möchten, Gelegenheit geboten, den Abend auf intelligente und doch nicht trockene Art zu verlängern. Im Eintrittspreis nämlich ist der Weisswein inbegriffen, mit dem freigebig umgegangen wird. Und dass man nach beendigter Vorstellung nicht an die kalte Nachtluft gesetzt wird, ist ein weiteres Plus. Sondern man darf sitzenbleiben, mit den Tischnachbarn tratschen und, wie Peter Schneider sagte, "weiterfesten".

 

Lobenswert ist auch der Gedanke, wieder mal einen Chansonabend durchzuführen, vorwiegend mit Brecht (aber auch mit einer Prise Mehring, Tucholsky, Kästner) in der kongenialen, raffinierten Vertonung von Eisler. Diese fünfzig- und sechzigjährigen Gedichtveteranen haben ja eine Zähigkeit und eine Kraft, das Leben in die Zange zu nehmen, dass sie noch heute zum Besten ihrer Gattung gehören.

 

So erstaunt es nicht, dass diese Kunstgebilde ersten Ranges, diese "ganz besonders lebensfähigen" Organismen (wie Brecht sagte), immer wieder die ganz besonders begabten Diseusen angezogen haben, an ihnen ihr Talent und ihr Können zu erproben. Und diese Diseusen hat man denn auch im Ohr, wenn man in den Keller des Theaters 1230 steigt, um Almut-Marita Grytzmann zuzuhören, die aus Regensburg hergefahren ist, um ihr Songprogramm "Alles schon mal dagewesen" vorzutragen.

 

Doch wer die mustergültigen Interpretationen im Ohr hat, wird in Schwierigkeiten geraten. Denn die Grytzmann reicht an die Vorbilder nicht heran. Das liegt – rein äusserlich betrachtet – an der Stimme; im Grunde jedoch daran, dass Almut-Marita Grytzmann die Gedichte unterschätzt hat.

 

Denn eigentlich sind die Brecht-Eisler-Songs ja kleine Vampire. Sie verlangen das Herzblut der Vortragenden; sie muss ihr Letztes hergeben an Konzentration, Ausstrahlung, Phantasie. Dann erwacht ihre Kraft und dann werden sie furchtbar den Bösen.

 

Bei der Grytzmann aber kommt zu wenig dazu. Ich habe von den Songs, die sie vorträgt, nicht mehr, als wenn ich sie für mich zu Hause im Lehnstuhl lese. Weil die Schauspielerin zu wenig von sich preisgibt, können die Gedichte ihre Zähne auch nicht in mein Innerstes schlagen. Schade, dass man so unbehelligt davonkommt...

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