In der Gangsterwelt. © Isabel Machado Rios.

 
 

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Bertolt Brecht.

Schauspiel.

Simon Hastreiter u. a., Wolfgang Menardi, Tobias Schwencke. Landestheater Niederösterreich, St. Pölten.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.

 

> Wer an der Westbahnstrecke den Zug im Mostviertel verlässt und über die Julius-Raab-Promenade den Weg in die Brunngasse einschlägt, gelangt nach 350 Metern an den Rathausplatz Nummer 11. Dort befindet sich seit 1820 an der Stelle des ehemaliges Militärgefängnisses ("Militärisches Stockhaus") das Theater der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Hier eröffnet heuer die neue künstlerische Leiterin Patricia Nickel-Dönicke ihre erste Spielzeit mit einer Sensation; und wenn sich die Jury auf der Fahrt nach Wien dazu bequemt, an der zweitletzten ICE-Haltestelle auszusteigen, dann kommt "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" aus St. Pölten ans Berliner Theatertreffen 2027. <

 

Das phantastische Bühnenbild von Wolfgang Menardi durchstösst auf der linken Portalseite den gediegenen roten Samtvorhang und streckt seine Zunge über den kleinen Orchestergraben hinweg in den Zuschauerraum. Ein zerknittertes Absperrband zeigt an, dass hier ein oder mehrere Personen zu Schaden kamen. Nach diesem Vor-Zeichen geht es auf der Bühne weiter: Sie zeigt umgeworfene Möbel, zerbeulte Karosserien, angeschlagene Menschen.

 

Das Gewaltklima der 1930er Jahre verpflanzte Bertolt Brecht aus Deutschland nach Chicago. Am Modell der Gangsterstadt exemplifizierte er den Aufstieg Hitlers zum Reichskanzler. Im Theaterstück heisst der Anstreicher (so nannte Brecht den aus Braunau stammenden Ansichtenmaler) Arturo Ui. Der SA-Führer Ernst Röhm: Ernesto Roma. Der Propagandaminister Josef Goebbels: Giuseppe Givola. Der Reichspräsident Paul von Hindenburg, der sich Hitlers Machtaspirationen unterwarf: Dogsborough.

 

In St. Pölten umfasst die Gewalt das ganze Theaterhaus. Das beklemmende Dekor setzt sich fort in einer undurchschaubaren Abfolge irritierender Geräusche: harter Schuss, metallisches Knirschen, aufjaulender Motorenlärm, begleitet von Blitz, Blendung, Dunkelheit, Spotlicht- und Stroboskop-Effekten. Künstlerisch ist das Chaos der Gewaltereignisse überwältigend präzis geregelt. Und da liegt die Sensation.

 

Der Reichtum der Theatermittel mit einem Bogen von Video (Bert Zander) und Tanz bis zu Puppenspiel, Song und Schlagerzitat (Musik Tobias Schwencke), mit exakter Führung der Schauspieler, die ihre Figur mal verkörpern, mal entblössen, ist so imponierend wie die Patek Philippe Nr. 198385, die komplizierteste Uhr, die je ohne Computerhilfe zustandegebracht worden ist. Jedes der 1580 Teilchen wurde zwischen 1928 und 1932 von Hand gefertigt.

 

Und nun haben ungewöhnlich sorgsame Hände auch die Zahnräder, Zeiger und Ziffern im St. Pöltener Chronographen so zugeschliffen, dass er mit der Zuverlässigkeit der sog. "Graves Supercomplication" mit Grande Sonnerie, Petite Sonnerie, Minutenrepetition und Wecker die verschiedenen Zeiten wiedergibt: Die Zeit der Entstehung des Dramas 1941 in Bertold Brechts finnischem Exil, die Zeit der Verhältnisse in Berlin bei der nationalsozialistischen Machtergreifung, die Zeit der Verbrecherkämpfe im Chicago der 1930er Jahre und die Zeit, die bei uns geschlagen hat. Am Tag der besuchten Vorstellung liess Trump Selenski fallen: "Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt."

 

In Sankt Pölten aber eröffnet, wie das Landestheater in seinem Programmheft erklärt, Patricia Nickel-Dönicke

 

ihre erste Spielzeit mit einer Produktion, die sinnbildlich für alles steht, was Theater als gemeinschaftliche Kunstform ausmacht. Theater kann man nicht alleine machen, und so entstand der Gedanke, 11 Regiepersonen dieser und nächster Spielzeit zusammenzubringen und die Eröffnung als gemeinsames Projekt zu inszenieren, ein Vorgeschmack auf alle anderen Premieren der Spielzeit. Gleichzeitig ist auch das gesamte elfköpfige Ensemble besetzt, es kommt also das gesamte künstlerische Potential des Hauses zusammen.

 

Dieser Grundgedanke ermöglicht uns nun, 70 Jahre nach Brechts Tod, eine gemeinsame Herangehensweise, um anschliessend einen kollektiven Weg zu gehen, auf dem jede:r in ihrer und seiner eigenen Handschrift den "aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" untersucht.

 

Nach diesem Konzept inszenieren nun Simon Hastreiter, Julia Hölscher, Leo Kees, Wolfgang Menardi, Michael Pietsch, Ilario Raschèr, Leonie Rohlfing, Christina Tscharyski, Lars-Ole Walburg, Anja Michaela Wohlfahrt und Bert Zander miteinander die 17 Szenen des Parabelstücks.

 

Für das Ergebnis gilt Balthasar Graciáns Feststellung:

 

Originelle und vom gewöhnlichen abweichende Gedanken äussern ist ein Zeichen eines überlegenen Geistes. Man lasse sich nicht durch Schmeichelei täuschen, sondern verwerfe sie. Man rechne es sich zur Ehre, von einigen getadelt zu werden, zumal von solchen, die von allem Trefflichen schlecht reden. Hingegen soll es uns betrüben, wenn unsere Sachen allen gefallen, weil es ein Zeichen ist, dass sie nicht taugen: denn das Vortreffliche ist für wenige.

 

Sollte es sich ergeben, dass die Jury des Theatertreffens auf ihrer Fahrt nach Wien am vorletzten ICE-Halt aus dem Zug steigt und bemerkt, was in St. Pölten geboten wird, so sollten im nächsten Sommer die elf Regiepersonen zusammen mit dem elfköpfigen Ensemble in Berlin vor dem Vorhang treten können.

Jedermann ... 

... mit seiner eigenen ... 

... Handschrift.