Pygmalion heute. © Astrid Knie.

 
 

 

SOPHIA oder Das Ende der Humanisten. Moritz Rinke.

Schauspiel.

Amélie Niermeyer. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.

 

> Das Unterhaltungstheater ist der Spiegel der Epoche. Er zeigt die Leute in ihrem Alltag. Während die hohe Klassik die zeitlosen Probleme der "condition humaine" zur Darstellung bringt, befasst sich das komische Stück mit dem Ephemeren. Darum veraltet es auch rasend schnell. Wer weiss heute noch, was ein DOS-Programm ist? Eine VHS-Kassette? Eine CD-Rom? Und wer kann sie noch öffnen? "Einszweidrei, im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit." Das Stück von Moritz Rinke bringt jetzt unsere durch KI und Robotik gehetzte Gegenwart auf die Bühne. In zwei Jahren werden wir mit Kopfschütteln und in zehn Jahren mit Nostalgie an sie zurückdenken. "SOPHIA oder Das Ende der Humanisten" ist eben, wie das Politkabarett, nicht haltbar, sondern bestimmt zu sofortigem Verzehr. <

 

Dass das Stück nicht haltbar ist und schon in fünf Jahren nicht mehr nachgespielt werden kann, liegt am Umstand, dass die Hauptperson durch eine App gesteuert wird, die sich auf einem Tablet befindet. SOPHIA ist nicht ein Mensch, sondern ein selbstlernender Roboter in weiblicher Gestalt. Dessen schematische Bewegungen zeichnet Silvia Meisterle mit gespensterhaft starrer Mimik – darf man sagen: erstaunlich lebensecht? – nach. Und das Publikum begegnet dem faszinierendern Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz im analogen, durch menschliche Körper geschaffenen Theater, das im konkreten Fall durch Amélie Niermeyers Regiekonzept gesteuert wird. Zu den Menschen entwickeln wir Mitgefühl. Die Puppe jedoch löst Grauen aus. Sympathie bedingt eben, wie Sigmund Freud darlegte, Identifikation. Und die ist bei KI nur möglich um den Preis des Wegblickens.

 

Der Mythos vom künstlichen Menschen reicht bis in die Antike zurück. Ovid erzählt, dass sich der Bildhauer Pygmalion eine Geliebte aus Elfenbein erschuf und Venus bat, ihr Leben zu geben. Im 19. Jahrhundert gehörte die seelenlose Puppe, zusammen mit dem Doppelgänger-Motiv, zu den Ingredienzien der Schauerromantik: Olimpia bei E.T.A. Hoffmann, Leibgeber-Schoppe bei Jean Paul, der Automat bei Georg Büchner, demzufolge "ich selbst gar nichts von dem weiss, was ich rede, ja auch nicht einmal weiss, dass ich es nicht weiss, so dass es höchst wahrscheinlich ist, dass man mich nur so reden lässt, und es eigentlich nichts als Walzen und Windschläuche sind, die alles sagen. Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern!"

 

Und jetzt "Das Ende der Humanisten" an den Kammerspielen der Josefstadt: "SOPHIA" gibt unsere trivialen Erfahrungen mit Bots wider, kombiniert mit der ins Rutschen geratenen Alltagswirklichkeit. Aber an sich ist das Faszinosum der Wiedererkennung so alt wie das Theater selbst. Vor einem halben Jahrhundert erklärte der Direktor des Städtebundtheaters Biel Solothurn Alex Freihart: "Der Mensch ist ein Affe. Er macht nichts lieber, als sich im Spiegel zu betrachten."

 

Bis zur Pause kommt das zweieinhalbstündige Stück, dramentechnisch gesprochen, nicht über die Exposition hinaus, und das heisst: nicht über die Darlegung der Lage, nicht über die Präsentation der Figuren. Im zweiten Teil passiert zwar noch dies und das, aber eine Handlung (wie sie Grillparzer und Hebbel noch zu bauen verstanden) ergibt sich nicht, bloss eine Addition zusätzlicher Aspekte. Mangels innerer Proportionen findet die Aufführung denn auch keinen Schluss. Bezeichnend dafür ist, dass das Publikum schon nach der dritt- und wieder nach der zweitletzten Szene zu applaudieren beginnt in der Meinung, das Stück sei aus.

 

Einförmig wie SOPHIA, die Puppe, sind im "Ende der Humanisten" auch die drei anderen Figuren. So spielt Joseph Lorenz einen sechzjährigen Professor mit den fahrigen Handbewegungen des Schwanks und Alma Hasun eine entschlussschwache junge Frau mit der verwischten Diktion einer Pubertierenden. Lediglich ihr Freund, ein unauffälliger Informatiker, bekommt sympathische, menschlich greifbare Ausstrahlung dank der Persönlichkeit des Darstellers Nils Arztmann, Nestroy-Preisträger 2025 (Kategorie Bester Schauspieler). Das wär's.

Nichts als Walzen ...

... und Windschläuche ...

... die alles sagen.