Der eingebildete Kranke. Molière.
Überschreibung der Komödie durch Barbara Sommer und Plinio Bachmann.
Stefan Bachmann, Jana Findeklee und Joki Tewes, Marcus Loran, Sabina Perry. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.
> "Der eingebildete Kranke": Die klassische Erfolgsinszenierung des Hausherrn. Am 30. September 2022 brachte Stefan Bachmann Molières Komödie am Schauspiel Köln heraus. Nach Übernahme der Burgtheater-Direktion kam das Stück am 13. September 2024 nach Wien. Heute, zwei Jahre später, läuft es immer noch im vollbesetzten Akademietheater. Die Schüler im hinteren Drittel des Saals geniessen jede Pointe und quittieren sie mit sekundenschnellem Lachen. Es lässt sich nicht von der Hand weisen: Eine gescheite Aufführung mit hervorragenden Schauspielern bleibt das beste Argument für den Theaterbesuch. <
Wunderbar ist das Licht – wie immer bei Stefan Bachmann. Diesmal stammt es von Marcus Loran. Mit 21 Jahren trat er ins Burgtheater ein und absolvierte die Ausbildung zum Beleuchtungsmeister. Heute, dreissig Jahre später, trägt seine Arbeit den Namen Lichtdesign. Es umfliesst auf der leeren, schwarzen Bühne von Jana Findeklee und Joki Tewes die Hauben und Rüschenperücken der Komödienfiguren mit dem goldenen Schimmer der Wachskerzenzeit.
Der Kranke, die Frau, die Tochter, der Liebhaber, die Zofe entsprechen in ihren charakteristischen Posen den ausgestanzten Kartonsilhouetten des vorgestrigen Puppentheaters. Doch die Ausdrucksweise, deren sie sich bedienen, ist heutig. "Augenhöhe" sagen sie; "geschützter Raum"; "postdramatisch"; "toxisch"; "achtsam"; "genderfluid".
Im "eingebildeten Kranken" zog Molière die Hofetikette der korrekten Sprache ins Lächerliche; dazu die Untreue seiner Ehefrau, die auf seinen Tod spekulierte, die Unmenschlichkeit der Ärzte und seine eigene tödliche Krankheit. In seinem Geist arbeitet nun das Burgtheater mit der Keckheit der Satire:
Die Überschreibung von Barbara Sommer und Plinio Bachmann aktualisiert die Themen der bekannten Komödie von Molière und setzt die Figuren in einen Kreisel der Überempfindlichkeiten des 21. Jahrhunderts. Die entstehenden Fliehkräfte drängen Betroffene, Behandelnde und Unbelehrbare aus dem Komfortzonen heraus und radikalisieren ihre Positionen. In der Welt dieses eingebildeten Kranken darf nur noch mitreden, wer sich selbst als verletzt darstellt. Das Leiden dient den Figuren zur Expansion von Macht – aber die Intrige als solche bleibt selbstverständlich zeitlos.
(Programmzettel.)
Den lächerlichen Figuren stehen zwei Vernünftige gegenüber: der Bruder, der den Kopf fest auf den Schultern trägt, aber vergeblich predigt (Ernest Allan Hausmann), und die verschmitzte Zofe (Melanie Kretschmann). Vierhundert Jahre vor Paul Watzlawick findet sie das Rezept für die Heilung des eingebildeten Kranken: "Machen Sie sich selbst zum Arzt!"
Da es bei Molière nicht um die Verkörperung von Menschen geht, sondern – wie beim brechtschen Lehrstück – um die Darstellung falscher Haltungen, hat das biologische Geschlecht keine Bedeutung. In Stefan Bachmanns Inszenierung ist Argans Tochter Angélique mit Paul Basonga besetzt; Cléante, Angéliques Geliebter, mit Lola Klamroth; Béline, Argans Frau, mit Tilman Tuppy; und Doktor Purgon mit Barbara Petrisch.
Wir können die Welt immer nur unvollständig sehen; sie mit Willen unvollständig zu sehen, macht den künstlerischen Aspekt. Kunst ist subjektive und parteiische Bevorzugung gewisser Wirklichkeitselemente vor anderen, ist Auswahl und Umstellung, Schatten- und Lichtverteilung, Auslassung und Unterstreichung, Dämpfer und Drücker. Oft wird ein ganzer Mensch durch eine einzige Handbewegung, ein ganzes Ereignis durch ein einziges Detail schärfer, einprägsamer, wesentlicher charakterisiert als durch die ausführlichste Schilderung.
(Egon Friedell.)
Die runde Leistung des starken Ensembles wird gekrönt durch Rosa Enskats Darstellung des Kranken. Die Sinnlichkeit ihrer Sprachgestaltung setzt sich fort in einem blitzgescheiten Bewegungsmuster (Choreographie und Körperarbeit: Sabina Perry). Am liebsten möchte man vor den Künstlern in die Knie gehen. Aber Verehrung ist vielleicht nicht das Richtige. Als in Zürich ein junger Mann vor den berühmten Schriftsteller trat und fragte: "Darf ich die Hand küssen, die 'Ulysses' geschrieben hat?", entgegnete Joyce: "Nein, sie machte noch manches andere."
Wenn's zuende geht ...
... und der Tod ruft ...
... halt dich aufrecht!
