Auslöschung. Ein Zerfall. Thomas Bernhard.
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman.
Therese Willstedt, Marten K. Axelsson, Emil Assing Hoyer und Jakob Munk. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.
> "Auslöschung" basiert auf Thomas Bernhards gleichnamigem Roman, erschienen 1986, drei Jahre vor dem Ableben des Dichters. Aus den 650 Prosaseiten erstellten Regisseurin Therese Willstedt und Dramaturg Jeroen Versteele eine überzeugende Bühnenfassung. Sie hat den Sog eines Trips und führt zu einem grossen Abend. <
Die Handlung besteht aus einer Linie. Fadengerade verbindet sie die Gegenwart mit der Vergangenheit, die Weltstadt Rom mit dem oberösterreichischen Herrschaftsgut Wolfsegg, die Piazza Minerva (Fluchtort des Privatgelehrten Franz-Josef Murau) mit dem hässlichen Geflecht seiner Familie am Hausruck.
Aufgespannt wird der Bogen mit dem ersten Satz. Er besteht aus 136 Wörtern und füllt eine Seite auf dem Programmzettel des Burgtheaters. Franz-Josef Murau, das berichtende Ich, kommt nach einem Spaziergang über die Flaminia, die Piazza del Popolo und den Corso in seine Wohnung zurück und stösst dort auf ein Telegramm, "in welchem mir der Tod meiner Eltern und meines Bruders Johannes mitgeteilt wurde: 'Eltern und Johannes tödlich verunglückt. Caecilia, Amalia.' "
Mit diesem Schlag schafft der Einstieg Unmittelbarkeit. Nach den ersten 136 Wörtern sind Sprecher, Hörer, Zuschauer und Leser "drin" – in einer Lage, deren Ausdehnung, Problematik und Tiefe beim Weiterschreiten immer klarer vors Auge treten. Die verstorbene Mutter hatte den italienischen Erzbischof Spadolini als Geliebten, der Vater die Gauleiter und SS-Offiziere zu Freunden. Für die Beerdigung reisen die Überlebenden nach Wolfsegg, und jetzt ist die ganze, einst untergetauchte Brut wieder da.
Vor vierzig Jahren kam der Roman heraus. Seine Aktualität hat sich in der Zwischenzeit gesteigert. Als Unheilsprophet verkündet Thomas Bernhard die Warnungen durch den Mund eines in die Verhältnisse verstrickten Menschen. Deshalb muss das Publikum bei jedem Satz auf der Hut sein. Es muss die subjektiven Verzerrungen des Sprechers wahrnehmen, bewerten, korrigieren, mit einem Wort: Sich unaufhörlich anstrengen, um eine im Rahmen des Möglichen zutreffende Sicht der Dinge zu gewinnen. Damit wird die Aufnahme des Stoffs zur Auseinandersetzung mit der Geschichte (im doppelten Sinn), und der Umgang mit der "Auslöschung" zu praktizierter Aufklärung.
In der Mitte steht das schwarze, gebundene Buch. Dieses Statement stellt Marten K. Axelssons Bühnenbild vors Auge der hereinkommenden Zuschauer. Den aufgeblätterten Seiten entnimmt das beeindruckend homogene Ensemble die Zaubermusik von Bernhards Prosa. Sie führt, gleich wie die gestufte Bühne, in die Tiefe der Verhältnisse.
Aus den wohlgesetzten Veränderungen, welche die Inszenierung in Aufstellung und Ausdruck vornimmt, erwächst die Dimension der Gefühle, die Bandbreite der Assoziationen, die Färbung der Sprache, das Wesen der beschriebenen Menschen. Und das Burgtheater erbringt mit Therese Willstedts bemerkenswert sensibler Regie – unterstützt durch die Musik von Emil Assing Hoyer und Jakob Munk – den Beweis, dass man in der Kunst alles veranstalten darf, was man will. Es gilt nur ein Gebot: Das Ganze muss gut sein.
Zum Begräbnis steigt ...
... die ganze Brut ...
... wieder aus dem Boden.
