Isidor. Shelly Kupferberg.
Schauspielfassung von Caroline Bruckner und Philipp Stölzl.
Philipp Stölzl, Marcell Bándi und Johannes Traun. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.
> 2022 machte die damals 48-jährige Medienfrau Shelly Kupferberg mit "Isidor", der Recherche über einen sagenumwobenen Onkel, ihr literarisches Debüt. Die Mischung von Biographie, Familiengeschichte, historischer Reportage und literarischer Erzählung schuf es auf die Spiegel-Bestsellerliste. Vier Jahre später kommt der Stoff am Burgtheater auf die Bühne, in einer Bearbeitung durch die Drehbuchautorin Caroline Bruckner und den Regisseur Philipp Stölzl. Die schlichte, geradlinige Darstellung von Biographie und Historie ist in einer Gegenwart, die von linkem Antisemitismus und rechtem Schwammdrüber bedrängt wird, an sich schon eine wichtige Tat. Wenn aber dazu noch ein Philipp Stölzl für die Inszenierung zeichnet, wird das Resultat auch künstlerisch bemerkenswert. <
Indem das Burgtheater "Isidor" auf den Spielplan setzt, erreicht es mit dem Thema der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Wien "die stille Mitte", das heisst jenen "mehrheitlichen Anteil einer Gesellschaft, der in Zeiten einer sich radikalisieren Debattenkultur zurückhaltend agiert, sich nicht einmischen möchte. Die Gründe können Unbehagen sein, die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Konfliktes, Desinteresse oder Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Debattierens selbst" (Tabea Baumann und Simon Hastreiter).
Die Warnung vor dieser Haltung sprach Martin Niemöller aus:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Drei Jahre nach dem Theater in der Josefstadt setzt nun auch das Burgtheater die Judenverfolgung auf den Spielplan. Ebenfalls in einer Beleuchtung der Nachgeborenen. Shelly Kupferberg entdeckte, dem Programmzettel zufolge, beim Besuch von Verwandten in Tel Aviv "in längst vergessenen Koffern Briefe ihres Grossvaters Walter Grab. Sie erzählten vom sagenumwobenen Onkel Isidor". Daraufhin entstand als Mischung von Biographie, Familiengeschichte, historischer Reportage und literarischer Erzählung "Isidor: Ein jüdisches Leben".
Das Theaterhaus im 8. Bezirk hatte seinerzeit "Leopoldstadt" aufgeführt, ein Schauspiel des britischen Autors Tom Stoppard. Auch bei ihm bestand ein biografischer Bezug: 1937 war Stoppard als Tomas Sträussler im mährischen Zlin zur Welt gekommen. Seine Mutter Martha Beckova hatte Eugen Sträussler, den jüdischen Betriebsarzt der Schuhfabrik Bata, geheiratet. Nach Gina Thomas hatte Stoppard "die vierzig längst überschritten, als er von einer Verwandten erfuhr, dass seine vier Grosseltern sowie drei Schwestern seiner Mutter in den Konzentrationslagern ermordet worden waren."
Im Zentrum von "Leopoldstadt" und "Isidor" steht ein reicher, geachteter jüdischer Unternehmer mit Herkunft aus dem Osten des Habsburgerreichs. Der eine wohnt im 1. Bezirk (Innere Stadt), der andere im 2. Bezirk (Leopoldstadt). Beide bagatellisieren das Aufkommen des Nationalsozialismus. Der eine vertraut der Kultur ("wir leben nicht mehr im Mittelalter"), der andere dem Rechtsstaat. Aufgrund dieses fatalen Glaubens denkt keiner an Emigration.
Bis zur Pause schleppt sich die Aufführung in Burg und Josefstadt mühsam hin. Anderthalb Stunden lang wird das Publikum mit dem Geflecht der Familien und der Situation im alten Wien bekannt gemacht. Bei Stoppard geschieht das durch ungelenke Dialoge in Schulfunkmanier. Bruckner/Stölzl übermitteln die Informationen – im Stil oft ein bisschen zu journalistisch – durch die Figur eines Erzählers (überzeugend und persönlichkeitsstark Itay Tiran) und die Figur der Autorin (zurückhaltend, aber nicht immer wortdeutlich Lilith Hässle).
Nach der Pause erfolgt der Umschlag. Die Nazis rücken ein. Wer nicht geflüchtet ist, kommt um. Philipp Stölzl, der Meister des langsamen Erzählens, bringt am Burgtheater das Grauen mit wenigen Zeichen vor Augen. Der Kronleuchter gleitet zu Boden und kippt auf die Seite. Die Höllenfahrt beginnt.
Stefko Hanushevsky, Darsteller des Kommerzienrats Dr. Isidor Geller, wird an den Füssen gefesselt und nackt in die Höhe gezogen. Derweil zeigt das Video von Marcell Bándi und Johannes Traun in historischen Schwarzweiss-Sequenzen, wie es in den Lagern zuging. Auf diese Weise verklammert der Film das Spiel auf der Bühne mit der historischen Aussenwelt. Die Spannweite führt vom galizischen Schtetl um 1900 nach Hollywood um 1940.
Von denselben beklemmenden Gegensätzen berichten auch die Briefe Alfred Polgars:
Lissabon, 12. September 1940
Liebe Freunde, wir sind hier eingetroffen. Nach einem dreimonatigen Passionsweg, der an mehreren Abgründen und Verzweiflungen allerknappest vorbeiführt und unsere seelische und physische Widerstandskraft bis zum äussersten in Anspruch genommen hat.
Es ist wahrscheinlich, dass wir Mittwoch, den 18. September, mit einem kleinen Amerikaboot die Überfahrt werden antreten können. Ich weiss heute noch nicht den Namen des Schiffes und ebensowenig den vermutlichen Tag der Ankunft.
Die Sieger in Paris haben unser gesamtes Hab und Gut (7 vollgepackte Koffer), das wir auf unserer Flucht aus Paris dort lassen mussten, weggenommen. Darunter meine gesamten Manuskripte, die Arbeit von 3 Jahren: einen fast fertigen Roman, ein Tagebuch der Emigration, einen Novellenband, usw., usw. Ich besitze von alldem keinerlei Duplikat.
Beverly Hills, 14. November 1940
Wir haben's hier sehr schön und angenehm. Unser Apartment ist reizend, in einer friedvoll-ländlichen Strasse mit Laubbäumen, die Herbst spielen. Wir haben einen schönen, grossen Living Room, zwei reizende Schlafzimmer, das meine mit einem kompakten Arbeitstisch, an dem einem Schriftsteller, dem etwas einfiele, schon etwas einfallen könnte, ein schönes Bad mit Wanne und Dusche extra, eine liebenswerte, grosse Küche, die alle Stücke einer modernen Küche spielt usw., usw.
Am empfindlichsten ist der Mangel eines Autos, denn die Distanzen sind gewaltig, die Fortbewegung zu Fuss glatt unmöglich und öffentliche Verkehrsmittel wie Bus oder so gibt es nur ganz wenige, unpraktische, komplizierte, kurz: unbenützbare.
Wir sehen an [jüdischen] Freunden und Bekannten: Franks (2 Autos), die bezaubernd zu uns sind, Fritzi Massary (1 Auto), Familie Bruno Walter (3 Autos), Familie Gina Kaus (4 Autos), Familie Viertel (4 Autos), Leonhard Frank (1 Auto), meinen Englischlehrer (1 Auto), und noch andere Autos mehr, die jedes einen Menschen haben. Zusammenfassend darf ich sagen: es geht uns gut, keine Stunde vergeht, ohne dass das unwahrscheinliche Glück unserer jetzigen Lebenssituation uns dankbar und mit einiger abergläubischer Angst vor etwaigem Erwachen aus dem Traum bewusst wird. Ich für meinen Teil empfinde, was sich da mit mir begibt, wie eine Art Leben nach dem Tode.
Aigen bei Salzburg, 18. August 1949
Wir gingen Ende Juni nach Wien, blieben dort 10 Tage. Wien ist nicht mehr schön, provinziell innen und aussen, bevölkert von einer peinlich-gefälligen Rasse, hinter deren Freundlichkeit die Tücke lauert. Das ganze Leben der Stadt, auch das sozusagen geistige, geht in der Tonart: kümmerlich. Ich war in der Leopoldstadt, auf der Suche nach einer alten braven Kusine. "Oh die? Die haben's abg'holt", sagte der Hausmeister.
"Isidor" am Burgtheater, "Leopoldstadt" in der Josefstadt: Die Kunst als Spiegel der Wirklichkeit.
Eben zu derselben Stunde gingen hervor Finger wie einer Menschenhand, die schrieben, gegenüber dem Leuchter, auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal; und der König ward gewahr der Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König, und seine Gedanken erschreckten ihn, dass ihm die Lenden schütterten und die Beine zitterten.
Das aber ist die Schrift, allda verzeichnet: Mene, mene, Tekel, U-pharsin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist Gott hat dein Königreich gezählt und vollendet. Tekel, das ist: man hat dich in einer Waage gewogen und zu leicht gefunden.
(Daniel)
Die Gestapo ist ins Haus gekommen.
Jetzt heisst es Koffer packen.
Mit dem Tanzen ist's vorbei.
