"Neues für die Sinne." Wirklich? © Patrick Rieser.

 
 

 

Komödie der Verführung. Arthur Schnitzler.

Schauspiel.

Ildikó Gáspár. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.

 

 

> Das Stück heisst zwar: "Komödie der Verführung". Aber einen Monat nach der Premiere zeigen die Lücken, dass die Mehrheit sich nicht hat verführen lassen, den Kurs der neuen Direktorin Marie Rötzer zu billigen. Von den wenigen, die zur Vorstellung gekommen sind, kehrt ein Drittel nach der Pause nicht zurück. Das Josefstädter Publikum wehrt sich offensichtlich dagegen, "Neues für die Sinne" zu bekommen. Das Versprechen stimmt ja auch gar nicht. <

 

Zwanzig Jahre lang setzte Herbert Föttinger als Direktor des Theaters in der Josefstadt mit Erfolg einen Kurs fort, der anderswo nicht mehr im Kurs steht. In Opposition zu Mode und Trend betrieb er hochwertiges Erzähl- und Schauspielertheater. Vor acht Jahren schrieb "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt":

 

Damit ist die Situation dieser Bühne im deutschen Sprachraum so einzigartig geworden, dass man sie unter Artenschutz stellen müsste wie die in der Schweiz fast ausgestorbene Lerche.

 

"Keine Angeberei" war das Alleinstellungsmerkmal des Hauses, das "seine Vollendung" erreicht hatte. Wie man dazu kommt, erklärte Balthasar Gracián (einer der bedeutendsten philosophischen Schriftsteller der klassischen spanischen Literatur):

 

Seine Vollendung erreichen. Man wird nicht fertig geboren: mit jedem Tage vollkommnet man sich in seiner Person und seinem Beruf, bis man den Punkt seiner Vollendung erreicht, wo alle Fähigkeiten vollständig, alle vorzüglichen Eigenschaften entwickelt sind. Dies gibt sich daran zu erkennen, dass der Geschmack erhaben, das Denken geläutert, das Urteil reif und der Wille rein geworden ist. Manche gelangen nie zur Vollendung. Immer fehlt ihnen noch etwas, andere kommen spät zur Reife.

 

Vom selben anforderungsreichen Weg zur Vollendung zeugt auch Arthur Schnitzlers Drama "Komödie der Verführung", das in der Josefstadt die neue Saison eröffnet. Über vierzig Jahre lang hat der Autor daran gewerkt, schwankend zwischen Roman, Novelle und Theaterstück. Während dieser Zeit hat sich vielerlei um die Handlung agglutiniert.

 

In seiner letzten Fassung behandelt das Schauspiel die Themen Erotik, Liebe, Sinnlichkeit, Freundschaft, Ehe, Bindung, Trennung und Scheidung. Die Figuren stammen aus den verschiedenen, dem Untergang geweihten Schichten des k. u. k. "fin de siècle": Adel, Militär, Bürgertum, Spekulation, Kapital, Boheme. Der dritte Akt spielt am 1. August 1914. An dem Tag ordnete das Deutsche Kaiserreich die Generalmobilmachung an, erklärte dem russischen Zarenreich den Krieg, und der Erste Weltkrieg begann.

 

Jede Figur steht für ein anderes soziales Element. Da ist der Schriftsteller, da ist die Sängerin, da ist die Violinsolistin, da ist die Adlige, da ist der reiche, attraktive Erbe, da ist der Maler, da ist der Finanzmann, da ist der Offizier ... und Wikipedia mündet ins Bekenntnis: "Die Komödie – ein verwirrendes Gesellschaftsspiel mit zahlreichen Kontrahenten – erschliesst sich nicht leicht."

 

Auf die Verwirrung des Stücks antwortet nun die Inszenierung von Ildikó Gáspár mit Verwirrung auf der Bühne, und das Durcheinander des Regietheaters verdoppelt das Durcheinander der Handlung. Damit produziert die Aufführung, nach der Definition des deutschen Kabarettisten Franz Josef Bogner, Kitsch. "Kitsch ist, wenn man zweimal dasselbe macht, also auf der Bühne ja sagt und dazu nickt."

 

Die Aufführung verkitscht das Spiel der Akteure durch Übertragung von Live-Musik auf Lautsprecher, Übertragung von Live-Video auf Leinwände, Übertragung von Genderrollen aufs entgegengesetzte Geschlecht, Applizierung von Intimwäsche auf den queeren Bereich und Aufzoomen von Gesichtern, Augen, Lippen und Zungen.

 

"Neues für die Sinne" bringt das indessen nicht. Das Regietheater ist schliesslich 57-jährig. Zur Welt kam es 1969. Damals inszenierte der 30-jährige Peter Stein in Bremen "Torquato Tasso" von Goethe und machte den Dichter zum Clown. Der Skandal war immens. Im selben Jahr brachte das Theater Basel "Titus, Titus" heraus, "50 theatralische Vorgänge nach der Tragödie 'Titus Andronicus' von William Shakespeare". Der 36-jährige Regisseur Hans Hollmann liess auf offener Bühne Hunde kopulieren. Der Skandal war immens. Aber damit war das Regietheater geboren. Heute ist es von keiner deutschen Bühne mehr wegzudenken. Was als Aufstand begann, führte zu Konvention und am Ende zu Stagnation. "Eine Erweiterung bisheriger Kunstgebiete stellt es im geringsten nicht dar." (Alfred Kerr.)

 

Indem die Josefstadt mit mehr als einem halben Jahrhundert Verspätung die greise Inszenierungsform übernimmt, rückt sie die Verblendung der Besetzunggremien ins Scheinwerferlicht:

 

Es ist das gewöhnliche Unglück alles sehr Gerühmten, dass es der übertriebenen Vorstellung, die man sich von ihm machte, nachmals nicht gleichkommen kann.

(Balthasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, übersetzt von Arthur Schopenhauer.)

 

Die Lehre von der Geschicht': Bei den meisten Produktionen folgt das Theater – wie der Investorenbau – zur Sicherheit dem gestrigen Stand.

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