Die Halbwelt im Halbschatten. © Tanja Dorendorf.

 

 

La Traviata. Giuseppe Verdi.

Oper.

Alvetina Ioffe, Raimund Orfeo Voigt, Ursula Renzenbrink, Berhard Bieri, Zsolt Cetner. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. September 2026.

 

> Nicht eine Aufführung: Ein Ereignis. Die Berner "Traviata" erreicht einen Spitzenrang in der Geschichte des Hauses. So sauber, wie die Handlung erzählt wird, spielt das Orchester, singen die Solisten und der Chor. Und dann das Licht! Es gestaltet einen zauberhaften Raum, in dem sich das Geschehen dermassen suggestiv entwickelt, dass Klarheit, Tiefe und Schönheit von Verdis Oper das Zuschauerherz ungewöhnlich stark ansprechen, bewegen und ausfüllen. Ergo: Ein Ereignis. <

 

Der Stil von Alvetina Ioffe ist definiert durch Präzision und Energie unter Betonung des Rhythmus. Mit diesen Qualitäten schafft die Chefdirigentin der Berner Oper jetzt eine unverwechselbare und zugleich überzeugende Interpretation der "Traviata".

 

Sie ist charakterisiert durch eine fein abgestufte Dynamik (Fachwort für das Verhältnis von grösster zu kleinster Lautstärke) und durch einen unerbittlich vorwärtsdrängenden Schlag (denn "Das Verhängnis schreitet schnell", sagte Schiller). Beides ergibt eine dem Werk genau entsprechende Dialektik.

 

Oben leuchtet eine weitgespannte, silberne Melodielinie, und unten setzen trockene Schläge der tiefen Instrumente bedrohliche Kontraste. Das Berner Symphonieorchester realisiert dieses Konzept bis auf den Zweiunddreissigstel genau. Durch sensibles Auf- und Abschwellen bringt es die tausend Farben und Stimmungen des wechselvollen Dramas hervor.

 

Die zweigeteilte Tonspur entspricht Violetta Valerys zweigeteilter Welt zwischen individueller Liebe und gesellschaftlicher Konvention. Die schöne junge Frau gehört ja zur Halbwelt. Da geben sich die Angehörigen des Demi-Monde mit Blingbling, Geld-, Aktienscheinen ein Ansehen, das auf Pump beruht und ständig vom Konkurs bedroht ist. Symbol für die Schieflage ist der Todeskeim der Lungenschwindsucht, mit der das Leben der Traviata (das heisst: der vom geraden Weg Abgekommen) bedroht ist.

 

Die Party im ersten Akt zeigt, gleich wie die des zweiten Akts, in der Gesellschaft denselben unheilvollen Schnitt. Die Leute treten in vornehmer Abendkleidung auf (konzipiert von Ursula Renzenbrink), doch einzelne Mitglieder haben den Halt und Comment schon verloren. Am Boden liegt ein sturzbetrunkener junger Mann, und eine junge schwankende Frau bewegt sich in fahriger Hast zum Waschbecken, um sich zu übergeben.

 

So zeigt Regisseur und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt im fabelhaften Licht von Bernhard Bieri seine Menschen dort, wo sie stehen: auf der Kippe. Da sind alle zweideutig. Sie sind gespalten in gut und schlecht, aufrichtig und verlogen, hingebungsvoll und egoistisch, reputabel und angeberisch, den andern liebend und den andern ausnützend.

 

Auf der Bühne wird dieses Gesellschaftspanorama gespiegelt durch das imposante Rund des von Walter Benjamin beschriebenen Kaiserpanoramas. Es zeichnete sich dadurch aus, dass sich die Betrachter nicht vor dem Bild zu bewegen brauchten, sondern dass die Bilder an den Sitzenden vorbeizogen wie die Szenen der "Traviata" vor den Plätzen der Opernzuschauer:

 

Es war ein grosser Reiz der Reisebilder, die man im Kaiserpanorama fand, dass gleichviel galt, bei welchem man die Runde anfing. Denn weil die Schauwand mit den Sitzgelegenheiten davor im Kreis verlief, passierte jedes sämtliche Stationen, von denen man durch je ein Fensterpaar in seine schwachgetönte Ferne sah.

 

Nun ziehen im Berner Stadttheater Welt und Halbwelt als Theater im Theater am Publikum vorbei. Die französische Literaturwissenschaft nennt das "In-Abgrund-Setzung" (mise en abyme).

 

Die Opernfiguren erheben wie wir den Anspruch, jemand zu sein. Mit diesem Willen stellen sie sich voreinander auf, beäugen und behandeln sich, als Akteure, als Zuschauer – bis sie der Tod aus dem Leben ruft. Hinter der Spiegelung aber formt sich die Frage: Was ist echt? Wer ist echt?

 

Die Produktion der Bühnen Bern beleuchtet Giuseppe Verdis Meisterwerk bis auf den Grund. Die Musik organisiert die Handlung, unterstreicht die Stimmung des Moments, drückt das Wollen und die Befindlichkeit der Figuren aus. Und die Sänger bringen durch Haltung, Bewegung und Ausdruck den Menschen ans Licht (Chor: Zsolt Cetner).

 

Unübertrefflich Lina Tsiklauri als Violetta Valery. Die Stimme der jungen Frau, eine Sänger-Darstellerin ersten Ranges, hat die Kraft, sich in die leuchtendsten Höhen zu heben und gleich darauf in berührendem Piano zu verhauchen. Gleich wahr die drei Männer, die das Schicksal der Traviata begleiten: der Arzt (Christian Valle), der Geliebte (Davide Tuscano) und der Vater des Geliebten (Jonathan McGovern). Alle sind gleich gekleidet und gleich frisiert. Die Gleichförmigkeit zeigt an, dass das Verhältnis zu Violetta nicht personal ist, sondern nur funktional.

 

Ach ja.

 

Wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab – wir sind sehr einsam.

(Georg Büchner)

 

Nur Gestalten werden umfasst, nur Hüllen umarmt, wer drückt denn ein Ich ans Ich?
(Jean Paul)

 

Mein Gott, wie ist man zu beklagen, wenn man stark liebt!

Mon Dieu, qu'on est à plaindre quand on aime beaucoup !

(Madame de Sévigné)

Grosse Leere ... 

... im Raum ... 

... und im Leben.