Romulus der Grosse. Friedrich Dürrenmatt.
Eine ungeschichtliche historische Komödie.
Olivier Keller, Dominik Steinmann, Johanna Schaub. Theater Orchester Biel Solothurn.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. September 2026.
> Titel und Hauptfigur heissen "Romulus der Grosse". Ein Widerspruch. Die lateinische Endung "-ulus" steht nämlich für "der Kleine". Widersprüchlich auch die Gattungsbezeichnung: "Eine ungeschichtliche historische Komödie". Der Autor sagt damit, so wie die Bühne den Untergang des alten Rom darstelle, habe er sich in Wirklichkeit nicht zugetragen. Aber darin liegt eben das Paradox der Kunst: "Die Poesie sagt wahr, indem sie lügt"(Goethe). Und nun zeitigt die allerneueste Aufführung noch einen weiteren Widerspruch: Sogar wenn das Imperium Romanum untergeht und die Produktion schwach ausfällt ... Dürrenmatt bleibt stark. <
Die Aufführung ist durchzogen von Widersprüchen. Die "Villa des Kaisers Romulus in Campanien", die Friedrich Dürrenmatt als Ort für die Handlung "vom Morgen des 15. bis zum Morgen des 16. März vierhundertsechsundsiebzig nach Christi Geburt" festgelegt hat, befindet sich in Biel/Solothurn vor einer zerklüfteten, schroffen, himmelanstrebenden Schlucht- und Felslandschaft (Dominik Steinmann). Davor steht eine Menschengruppe in antiken Posen und Kostümen. Sie intoniert den berühmten Reigen der Freiburger Sennen: "Le Ranz des vaches" (Musik Johanna Schaub).
Dazu führte Rousseau in seinem "Dictionnaire de Musique" 1768 aus:
Das Lied wurde von den Schweizer Söldnern im ausländischen Kriegsdienst so geliebt, dass es bei Todesstrafe verboten war, es in ihren Truppen erklingen zu lassen, weil es alle, die es hörten, zum Weinen brachte, zum Desertieren oder zum Sterben, dermassen erregte es in ihnen das brennende Verlangen, ihr Land wiederzusehen.
Achtzig Jahre vor dieser Beschreibung hatte der Basler Arzt Johannes Hofer 1688 für die "Sehnsucht nach der Heimat", die als spezielle Geisteskrankheit der Schweizer aufgefasst wurde, bereits zwei neue Wörter geschaffen und in seiner "Dissertatio medica de Nostalgia oder Heimwehe" publiziert.
Warum jetzt aber der Kaiserhof auf der Bühne von Biel/Solothurn das Lied der Freiburger Kuhhirten anstimmt, erscheint widersprüchlich, wenn nicht anbiedernd. Will Regisseur Olivier Keller damit sagen, dass sich die Notablen des Imperiums im Moment ihres Untergangs nach dem Ursprung zurücksehnen, wo die Römer bloss ein schlichtes Volk von Bauern waren?
Dieser Interpretation steht die Handlung entgegen: Die einen Figuren des Stücks wollen gegen die Germanen kämpfen bis aufs äusserste, die andern nach Sizilien emigrieren. Bauer aber will keiner werden. "Le Ranz des vaches" bleibt also ein Rätsel. Und ein Marthaler-Zitat.
Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler hat 1980 angefangen, in all seinen Produktionen das Ensemble Volkslieder singen zu lassen. Die Mode wurde von den fortschrittlichen Schauspielregisseuren im deutschen Sprachraum aufgenommen, und heute flackert sie, wohl nicht zum letzten Mal, am Jurasüdfuss noch einmal auf. Nostalgia oder Heimwehe:
Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar,
an Mut wie an Hoffnungen reich ...
(Albert Lortzing: Der Waffenschmied.)
Im letzten Jahrhundert besetzte Peter Zadek am Schauspielhaus Bochum 1977/78 Hamlet mit einer Frau: Eva Mattes. Im Schauspiel von Biel/Solothurn besetzt Oliver Keller heute Romulus mit einer Frau: Nadine Schwitter. Sie stellt den römischen Kaiser, Vater einer heiratsfähigen Tochter, als unverstellte, sympathische junge Frau dar. Als eine von uns, natürlich und zierlich. Ganz ohne Angeberei. Das Spiel nimmt man ihr ab. Unglaubwürdig aber ist, dass ausgerechnet diese Gestalt "zwanzig Jahre den Hanswurst" spielt, wie Dürrenmatt sagt, "und seine Umgebung kam nicht darauf, dass dieser Unsinn Methode hatte. Dies sollte zu denken geben."
Zu denken geben noch weitere Widersprüche. 1964, an der Uraufführung der vierten, von Dürrenmatt mitinszenierten endgültigen Fassung des Stücks am Schauspielhaus Zürich versah Gustav Knuth die Titelrolle. Über ihn schreibt Friedrichs Theaterlexikon: "Charakterdarsteller, einerseits 'gerade' Typen, andererseits schwierige bis kauzige Charaktere". Das bei Dürrenmatt. Bei Keller: Eine natürliche, unverstellte, sympathische junge Frau.
Und gleich erfolgt ein weiterer Widerspruch: Als Kaiserin tritt der reife Günter Baumann auf. Bei Dürrenmatt war sie mit einer Frau besetzt: Therese Giehse, "eine der bedeutendsten Schauspielerinnen deutscher Sprache, mit handwerklicher Meisterschaft aus genau beobachteten realistischen Details grosse Figuren schaffend" (Friedrichs Theaterlexikon).
Doch damit wird es beim Schauspiel von TOBS! nichts, weil neben Nadine Schwitter niemand von den fünf weiteren Mitwirkenden eine Rolle durchgestalten darf. Der Programmzettel erklärt den Grund:
Olivier Keller inszeniert dieses Stück als kollektiven Erzählakt. Viele Rollen wechseln ihre Interpret*innen im Laufe des Stückes. Die Spielenden übernehmen gelegentlich gemeinsam eine Rolle. Die Geschichte, die Dürrenmatt erzählt, erinnert an eine Fabel, die von pointierten – bisweilen stereotypen – Figuren lebt. Das Ausstellen der Dürrenmattschen Menschen bedient diese Tatsache und macht grossen Spass beim Spielen und Zuschauen.
Gegenüber dieser Behauptung würde der kolumbianische Selberdenker Nicolás Gómez Dávila Widerspruch einlegen:
Literatur, die den vergnügt, der sie macht, langweilt den, der sie liest.
Bemerkenswert an der Aufführung von Biel/Solothurn ist am Ende also nicht die Aufführung, sondern das Stück. Seit dem 24. Februar 2022, d.h. seit 4 Jahren, 6 Monaten und 26 Tagen hat Dürrenmatts ungeschichtliche historische Komödie eine beklemmende Aktualität bekommen.
Behandelt das Stück den Einmarsch der Germanen und den Untergang des alten Rom in Form einer Komödie (wobei die Katastrophe als Komödie zu zeigen einen weiteren Widerspruch darstellt), so ist zur Zeit die Frage aktuell, ob es denn Sinn macht, die Ukraine weiter zu verteidigen; ob man nicht das Feld um des lieben Friedens willen den Russen überlassen solle.
Aber dann, sagt Odoaker, der germanische Eroberer, im Stück, wird ...
ein zweites Rom entstehen, ein germanisches Weltreich, ebenso vergänglich wie das römische, ebenso blutig. Mein Neffe stellt das Ideal der Germanen dar. Er träumt von der Weltherrschaft, und das Volk träumt mit ihm. Ich hoffte, den Krieg human zu führen, doch je weiter ich gegen Süden stiess, desto grösser wurden die Untaten meiner Armee, nicht weil sie grausamer war als andere Armeen, sondern weil jeder Krieg bestialisch ist.
Dazu lässt Dürrenmatt Ämilian, den Verlobten von Romulus' Tochter, sagen:
Ich habe mein Gefängnis in Germanien verlassen. Ich habe die Soldaten getötet, die mich bewachten, die Hunde erschlagen, die mich verfolgten. Ich bin zu Fuss zu dir gekommen, Erhabener. Ich habe die endlose Weite deines Reichs durchmessen, Meile um Meile, Schritt für Schritt. Ich habe dein Imperium gesehen, Vater der Welt. Ich schlich durch zerstörte Städte und durch rauchende Dörfer, ich ging durch zerhackte Wälder und zog über zerstampfte Äcker. Ich sah die Männer hingemetzelt, die Frauen geschändet und die Kinder verhungert.
Und dann war es aus.
Paul Veyne, der grosse französische Historiker, erklärt:
Der Westen verfiel in Barbarei – nicht so sehr durch die Schläge der Germanen, dieser Bewunderer römischer Grösse, sondern als Reaktion auf ihren Aufstieg zur politischen Macht. Die alte Aristokratie der Notabeln, zugleich Stadtväter und Amtsadlige des alten Reiches, hatte der Verlust ihrer Macht gedemütigt, und sie fanden das Leben nicht länger lebenswert. Sie liessen den Mut sinken und verloren das, was die römische Gesellschaft "zivilisiert" hatte: den unbewussten Wunsch nach Selbststilisierung.
Der dramatische Effekt der grossen Barbareneinfälle war nicht der Zusammenbruch des römischen Staatsapparats, er betraf nicht die wirtschaftliche oder demographische Entwicklung, sondern einen Lebensstil, der beispielsweise unterschied zwischen Menschen, die lesen konnten, und solchen, die diesen Ehrgeiz nicht entwickelt hatten, oder zwischen denen, die gelernt hatten, schwer zu arbeiten, und jenen, die es nicht gelernt hatten. Und es begann das, was man gelegentlich das "finstere Mittelalter" nennt.
Dazu der französische Mediävist Michel Rouche, spezialisiert auf die Geschichte Galliens im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter:
Barbarentum war eine Eigenschaft von Soldaten, die bei der geringsten Kränkung aufbrausten und nur Gefühle der Gewalttätigkeit kannten. Sie waren von bäuerlicher Einfalt, assen und tranken hemmungslos, bis ihnen übel wurde, und zogen plündernd und brandschatzend durchs Land. In den germanischen Stämmen wurde die Macht gemeinsam ausgeübt vom König, der die Befehlsgewalt innehatte, und seinem Gefolge freier Krieger. Dieses instabile Amalgam [ähnlich wie heute in den "failed states", Haiti und den Slums], bestehend aus einem "Heerkönig", der zum Siegen verurteilt war, wenn er seine Herrschaft behaupten wollte, und Kriegern, die nur so lange Gefolgschaftstreue hielten, wie ihr Anführer der Stärkste blieb, bildeten eine Art Wehrgemeinschaft ohne festen Wohnsitz oder gesichertes Überleben. In einer Gesellschaft, die von der Jugend beherrscht war, gaben junge Männer, die im Genuss des Augenblicks aufgingen, auf die Treue zum gegebenen Wort nur wenig. Überall waren falsches Zeugnis und Meineid verbreitet.
Untergang der Spätantike, Übergang zum Frühmittelalter. So sitzt man im Theater und kommt zur Welt. Das Stück evoziert die Vergangenheit, doch dahinter zeigen sich Gegenwart und Zukunft im Widerspruch von Kunst und Leben. Die Poesie sagt wahr, indem sie lügt. Zu erleben ist das jetzt in voller Schärfe bei "Romulus der Grosse", aufgeführt durch Theater Orchester Biel Solothurn.
Blick zurück ins Jahr 1980
Dasselbe Stück im selben Theater.
Der Lorbeerkranz aus Legosteinen.
Die Kostüme aus Plastikplanen.
Das Hirtenlied im Kaiserkostüm.
