Falstaff. Michael William Balfe.
Oper.
Franco Trinca, Dieter Kaegi, Dirk Hofacker. Theater Orchester Biel Solothurn.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. September 2026.
> Dieter Kaegi, der Herr des Hauses, hat inszeniert. Und er brachte, zusammen mit seinem kongenialen Bühnenbildner Dirk Hofacker, ein Bijou auf die Bühne: das Café mit dem Wahlspruch "À l'Odéon, tout est bon." Die Qualität des Kultlokals an der Bahnhofstrasse schlug auf die Produktion in der Bieler Altstadt durch. Dieter Kaegi: "Ich versuche, so redlich wie möglich dem Komponisten und Librettisten zu folgen." Der dienende Regieansatz führte jetzt, kombiniert mit naturalistischem Lokalbezug, zur umjubelten Premiere einer eher schwachen Falstaff-Oper des irischen Komponisten Michael William Balfe (1808-1870). <
Spielfreudig wirft sich das Sinfonieorchester Biel Solothurn ins Geschirr, als der Meister fürs italienische Fach am Jurasüdfuss zur "Falstaff"-Ouvertüre den Taktstock hebt. Franco Trinca arbeitete als Dirigent von 1991 bis zu seiner Pensionierung 2025 bei TOBS! Festlich glänzt der goldene Bühnenrahmen. Verheissungsvoll schimmert der rote Samtvorhang.
Mit diesem Bild begann bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts jede Vorstellung, in Biel/Solothurn wie anderswo. Und gleich beschwingt wirkten in der Musikgeschichte die Noten des heiteren Genres, angefangen bei Antonio Salieri bis hinauf zu Ermanno Wolf-Ferrari. Willkommen in der guten alten Zeit!
Nun gleitet der Vorhang auf und gibt den Blick frei aufs Café Odéon an der Bahnhofstrasse 31. Im Morgenlicht nehmen der Mann vom Buffet und die Kellnerin ihren Dienst auf. Die ersten Leute bewegen sich hinter den Scheiben, die meisten zu Fuss, ein paar mit dem Velo oder dem Trottinett. Bis ins Detail hat Bühnenbildner Dirk Hofacker einen legendären Teil von Biel auf die Bühne gebracht.
Alles stimmt: Die Schlitze an den Lüftungsrohren. Die Zuckerstreuer auf den Marmortischchen. Die Polster auf den Bänken. Die gebogenen Holzlehnen. Die Metallstange für den Vorhang an der Eingangstüre. Auf der anderen Strassenseite die Markise der Pizzeria. Die Fenster, die Simse und die Balkongeländer der Hausnummern 30 und 32.
"Ein gutes Bühnenbild macht mehr als die halbe Miete", sagte Intendant und Regisseur Dieter Kaegi in einem Gespräch mit der "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt". Und vor einem halben Jahrhundert erklärte – lange vor Erfindung des Selfies – der damalige Direktor des Städtebundtheaters Biel Solothurn Alex Freihart: "Der Mensch ist ein Affe. Er macht nichts lieber, als sich im Spiegel zu betrachten."
Der Wiedererkennungseffekt trägt in "Falstaff" durch den ganzen Abend, ohne sich abzunützen. Das ist dem gescheiten Einsatz der Requisiten zu verdanken wie beispielsweise dem anishaltigen Aperogetränk, welches sich unter Beimengung von Wasser weiss verfärbt, dem Wäschetrolley der Reinigungsfirma und dem Seeländer Gratisanzeiger "Biel Bienne", dessen Schlagzeilen die Handlung eröffnen: "Falstaff pleite", "Falstaff tot."
Die Wirkung des Naturalismus wird verstärkt durch Dieter Kaegis Regiekunst: Die Kellnerin (eine stumme Rolle) ist süperb. Ebenfalls der Chor: ausstrahlungsstark und lebensecht. Die Hauptrollen fallen im Gehen, Stehen und Sitzen nie in Sängerposen, sondern bewegen sich natürlich und leicht aus der Mitte der Figur.
So kommt auf der Bühne ein beeindruckend einheitliches Ensemble zustande, leider auch in punkto Lautstärke. Das anhaltende Forte – Erbübel der kleinen Häuser – wird vom Publikum indes wohlgelaunt angenommen und gnädig honoriert. Die Sehnsucht nach kultiviertem Mezzopiano bleibt unerfüllt.
Als Vertreter der Anglistik fällt der Literaturwissenschafter Manfred Pfister ein strenges Urteil über Shakespeares Komödie, die Manfredo Mangioni zum Libretto verarbeitet hat:
Die Haupthandlung geht auf konventionelle Situationen der italienischen Novellistik zurück: Betonung der Situationskomik auf Kosten der Charakterzeichnung. Dieses Niveaugefälle zeigt sich bei Falstaff selbst, und hierin liegt – mehr noch als in den zahlreichen blinden Motiven der Handlungsführung – die zentrale Schwäche des Stücks.
Von der Gerissenheit, Schlagfertigkeit und Lebensfülle, die Falstaff zu einer der imposantesten Gestalten des ganzen Königsdramen-Zyklus machen, ist hier wenig übriggeblieben, und so kann er zum hilf- und ratlosen Opfer dreier recht durchsichtiger Bürgerstreiche werden: Er muss sich in einem Waschkorb verstecken und in die Themse [bei TOBS! die Schüss] werfen lassen, kann sich vor dem eifersüchtigen Ehemann Ford nur retten, indem er sich als altes Weib vermummt, und wird schliesslich, als "wilder Jäger" verkleidet und mit einem Geweih verziert, in den nächtlichen Park gelockt, wo die Bürgerschaft ihn verspottet.
Die eindimensionale Personenzeichnung legt die Figuren auf einen übersteigerten Charakterzug fest. Das Stück, das seit dem 19. Jahrhundert an Beliebtheit eingebüsst hat, kam zunächst in Bearbeitungen auf die deutsche Bühne, die das Geschehen auf heimische Verhältnisse übertrugen (zum Beispiel "Die lustigen Abenteuer an der Wien", 1771).
Da die lustigen Weiber von Windsor Fords Eifersucht und Falstaffs Geilheit – mithin die toxische Männlichkeit – bereits auf die Schippe nehmen, begnügt sich Dieter Kaegi, die Handlung werktreu umzusetzen. Das Bühnenbild trägt ja. Und die Musik?
Mit kaustischem Witz beschreibt Percy A. Scholes in seinem "Oxford Companion to Music" (von der Oxford University Press ein halbes Jahrhundert lang vertrieben) Michael William Balfes Karriere und Werk:
Mit 15 spielte er Violine im Orchester des Drury Lane Theaters; mit 19 sang er an der Oper und wurde von Rossini als Figaro für seine Pariser Aufführungen des "Barbiere di Sevilla" ausgewählt. Mit 33 war er Direktor des Lyceum Theatre in London, wo er mit einer eigenen Oper debütierte, in der seine Frau die Hauptrolle sang. Anschliessend hielt er sich eine Zeitlang in Paris und Berlin auf, wo er seine Opern herausbrachte, und zum selben Zweck besuchte er auch St. Petersburg. Mit 56 Jahren, nachdem er sich ein komfortables Vermögen angehäuft hatte, zog er sich in die englische Landschaft zurück und widmete sich den Freuden des Säens und Erntens sowie der Aufzucht von Schafen und Rindern.
Sein Instinkt für leicht hinfliessende Melodien, unbeeinträchtigt von irgendwelchen harmonischen oder orchestralen Finessen, zeigt sich in seiner Oper "The Bohemian Girl" (Das Zigeunermädchen), welche viele Jahre auf den kleineren englischen Bühnen überlebte und 1951 sogar für ein paar Vorstellungen in Covent Garden vom Gestell heruntergenommen wurde.
Das war vor 75 Jahren. Und jetzt kommt "Falstaff" am Jurasüdfuss auf die Bühne, ein Werk des Dreissigjährigen, der in seinem Arbeitsleben insgesamt 29 Opern geschrieben hat, im Durchschnitt eine pro Jahr.
Doch bei aller Liebe, die ihm TOBS! angedeihen lässt: Nach der Derniere vom 17. November in Biel wird Michael William Balfe wieder ungestört unter seiner Grabstele im Kensal Green Cemetery London ruhen können bis zu unser aller Auferstehung am Ende der Zeit.
Vom Wäschetrolley ...
... bis zur Einrichtung:
Stupende Wiedererkennung.
