Artifizialität der chorischen Passagen. © Yoshiko Kusano.

 

 

Spind'l... Sp'ich'r – Still'. Alexander Stutz.

Schauspiel.

Amelie von Godin, Kristin Buddenberg, Christine Hasler, Julia Kiesler. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 5. September 2026.

 

> Der Text von Alexander Stutz, eine Auftragsarbeit der Bühnen Bern, ist einzuordnen unter (a) Förderung des einheimischen Schaffens und (b) Darstellung des Themas "fürsorgerische Zwangsmassnahmen". Das Kollektiv der Betroffenen, ein nicht näher definiertes weibliches Wir, wird von der Inszenierung auf vier Sprecherinnen verteilt. Sie tragen chorisch und einzeln (a) die Feststellungen, Wünsche und Befindlichkeiten der Insassinnen und (b) die Anordnungen der Behörden und Schwestern in einem nicht näher definierten Katharinenheim vor. Das Ganze ergibt eine saubere Auslegeordnung zur historischen Problemlage und Zeit, wobei die Aufführung auf mittlerer Höhe segelt: Sie bewegt sich zwar über den Niederungen der journalistischen Dokumentation, gelangt aber nicht auf die Höhe von Drama und Film, wo es Schicksale und Charaktere zu erleben gibt. Zur Arbeit würde ein graubärtiger Lehrer "ganz ordentlich" ins Aufsatzheft schreiben und nach leichtem Zögern eine Fünf vergeben. So gleichfalls der Kritiker. <

 

In der Stärke der Aufführung liegt auch ihre Schwäche: Sie ist "comme il faut". Das heisst, sie folgt dem vorgegebenen Standard. Ohne Abweichung ins Genialische, aber auch ohne Abweichung ins Widerständige, wendet sie an, was heute in den Regie- und Schreibseminaren die Regel ist. Damit erwirbt sich die Auftragsproduktion der Bühnen Bern "Spind'l... Sp'ich'r – Still' " die Note 5: "Gute und solide Arbeit, wenn auch mit ein paar Mängeln."

 

Zu den Mängeln gehört paradoxerweise das Gleichmass der Qualität. Es verhindert, dass der Zuschauer in seinem anerkennenden Nicken jemals gestört wird. Alles ist recht. Es ist recht, dass der strenge fürsorgerische Freiheitsentzug, unter dem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Menschen in Unmündigkeit leben mussten, zur Sprache gebracht wird. Es ist recht, dass die Zwangsarbeit bei der Firma Bührle und die klösterliche Zucht in den Erziehungsheimen der katholischen Kirche von heutigen jungen Frauen auf der Schaubühne denunziert wird.

 

Aber das Gleichmass! Es fehlt der Dialog. Es fehlt die Unterschiedlichkeit der Charaktere. Es fehlt der Humor, der menschlich macht (Gotthelf, Dickens, Chaplin). Es fehlt der Schmutz.

 

Das Unglück beginnt 1943 mit dem Tod der Mutter. Marie-Thérèse ist dreieinhalb Jahre alt, der Bruder zweieinhalb. Die Geschwister kommen weg, in ein Heim für Waisenkinder. Es wird geführt von Ordensschwestern im Freiburger Hinterland. Die Verfügung trafen der Gemeindepräsident und der Priester. Ihnen waren die Grosseltern, welche die beiden Halbwaisen wohl hätten betreuen können, nicht katholisch genug.

 

Die Liebe führt jetzt die Grossmutter jeden Sonntag an die Schwelle des Waisenhauses. Betreten darf sie es nicht. Der böse Geist, sagen die Schwestern, müsse draussen bleiben. Immerhin können sich das Mädchen und der Bub zu ihr auf die Treppe setzen. "Grossmama, was machen die Halme auf deinem Kleid? " "Ich habe in einer Scheune übernachtet. " "Warum? " "Der Weg ist zu lang. Er dauert einen Tag." Für den Zug reichte das Geld nicht. Gleichwohl kommt die Grossmutter am folgenden Sonntag wieder. Und auch am nächsten und übernächsten. Die Kinder freuen sich auf ihre Besuche. Doch plötzlich bleiben sie aus.

 

Mit acht Jahren vernimmt Marie-Thérèse, dass die Grossmutter damals gestorben sei. Dass sie einem Mord zum Opfer gefallen ist, verschweigt man ihr. Das Leben ist ohnehin schon schwer genug. Die Schwestern sind ausgelastet mit der Betreuung alter Demenzpatienten. Deshalb fesseln sie die Kinder tagsüber an Händen und Füssen – die Füsse an den Tischbeinen –, damit sie ruhig sind und nicht davonlaufen. Wenn sie sich ungebührlich verhalten, kommen sie in den Karzer, ein unbeleuchtetes Kellerloch mit festgestampfter Erde, herumhuschenden Mäusen und kalten Kartoffelsäcken, auf denen sich die Mädchen niederlegen. Um bestraft zu werden, genügt es, Widersetzlichkeit gezeigt oder ein "wüstes Wort" gesagt zu haben. Oft werden die Büsserinnen vergessen. Dann erkundigt sich am nächsten Tag die Schule nach ihrem Verbleib, und jemand schaut im Karzer nach. Konsequenzen haben diese Erziehungspraktiken nicht. Die Schule wird nämlich ebenfalls von Ordensschwestern geführt.

 

Wenn Marie-Thérèse befreit wird, hat sie ein schwarzes Gesicht und nasse Unterhosen. Die alte Küchenaushilfe, die den Aufenthalt im Heim mit Arbeit abverdient, zeigt Erbarmen: "Komm, du arme Kleine!" Mit dem feuchten Abwaschtuch wischt sie ihr das Gesicht sauber. "Und jetzt schneuz darein! Die Hosen kannst du mir geben. Ich werde sie waschen und zum Trocknen übers Ofenrohr legen. Geh heute ohne sie zur Schule!" Die elementare Zuwendung der Frau verhindert, dass das Kind zerbricht: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." (Ps. 23, 4) So wenig braucht es, um am Leben zu bleiben, trotz Missbrauch und Schändung. Wenn Marie-Thérèse zum nahegelegenen Bauern kommt, muss sie – die Erwachsene kann es fast nicht aussprechen – "Fellatio" mit ihm treiben. "Wehe, du sagst ein Wort!", droht der Bauer. Und das Kind schweigt.

 

Von solchen Verhältnissen ist in Bern nie die Rede. "Spind'l... Sp'ich'r – Still' " hält sich auf mittlerer Höhe und bewegt sich in der Halbabstraktion. Das ist weniger hässlich als der Schmutz des Konkreten. Demzufolge steckt Kristin Buddenberg die Darstellerinnen in schicke weisse Kostüme, welche der Nonnentracht nachempfunden sind wie in Federico Fellinis "Roma" bei der päpstlichen Modeschau. Damit ist der Look der dunkelblauen, mit weissen Punkten durchsetzten, unattraktiven Arbeitsschürzen vermieden.

 

Als Walter Mafli 1915 zur Welt kam, war der Vater, ein 19-jähriger Bursche (und vermutlich österreichischer Soldat), schon verschwunden. Die Mutter (24) war taubstumm. Für die ersten vier Jahre kam der Kleine in die Obhut der Grossmutter, die sich bereits um 14 eigene Kinder kümmern musste. Mit fünf Jahren kam er bis zum Schulaustritt ins Waisenhaus. "Das tönt so schön", sagt Walter Mafli. "Doch in Wirklichkeit nannte sich das Institut Erziehungsanstalt. Da wurden wir auf den Kopf geschlagen, bis die Nase blutete. Immer wieder hat man uns mit Nahrungsentzug bestraft. Demzufolge lernten wir lügen und stehlen."

 

Gleichwohl kann der 99-jährige Walter Mafli dem Thema Wiedergutmachung nichts abgewinnen: "Die Menschen handelten damals ihrer Zeit gemäss. Ich aber wurde durch alles, was mir zugestossen ist, zu dem, der ich heute bin." Er meint: Zum Künstler, der am Ende anfangen konnte, von seinen Bildern zu leben.

 

In der Abgrenzung lag das Geheimnis. Der Zögling der Erziehungsanstalt begann, sich im Estrich zu verstecken und dort Material zu bearbeiten: ein Stück Holz, ein Blatt Papier. Das Schaffen erlaubte ihm, den zerstörenden Kräften zu entkommen durch die Schöpfung eines leuchtenden Gegenreichs.

 

Selig ist, wer so weit kommt.

 

Von solchen Geschichten ist in Bern nie die Rede. Geführt von Regisseurin Amelie von Godin sprechen die vier Darstellerinnen Lou Haltinner, Franka Kohlmey, June Ellis Mach und Judith Steinbrecher den Text von Alexander Stutz "comme il faut" (wobei sich die letztere, Schauspielstudentin, noch das S zulegen muss).

 

Zur mittleren Höhe gehört die Artifizialität der chorischen Passagen. Angeleitet von Julia Kiesler, realisieren sie Unüberbietbares. Doch in ihrem "Comme il faut" liegt paradoxerweise die Schwäche Aufführung. Sie macht den Skandal zum Ästhetikum.

 

Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.
(Mörike.)

 

Auf mittlerer Ebene befindet sich zur Zeit auch die Autorschaft von Alexander Stutz. Um sie voranzutreiben, ist Strenge unentbehrlich.

 

Der Schriftsteller, der seine Sätze nicht gefoltert hat, foltert den Leser.

(Dávila.)

 

Dazu Nietzsche:

 

Jeder hat angeborenes Talent, aber nur wenigen ist der Grad von Zähigkeit, Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, so dass er wirklich ein Talent wird, also wird, was er ist, das heisst: es in Werken und Handlungen entladet.

(Anzeichen höherer und niederer Kultur.)

 

Dazu muss man vom "Comme il faut" abweichen. Nochmals Nietzsche:

 

Jemand, der sich auf seinem Wege im Walde völlig verirrt hat, aber mit ungemeiner Energie nach irgendeiner Richtung hin ins Freie strebt, entdeckt mitunter einen neuen Weg, welchen niemand kennt: So entstehen die Genies, denen man Originalität nachrühmt.

Schicke weisse Kostüme.

Eine Art Nonnentracht. 

Wie bei der Modeschau.