Klytämnestra vor dem Tor zum Palast. © Tanja Dorendorf.

 

 

L'Agamennone. Salvatore Sciarrino.

Oper.

Clément Lonca, David Hermann, Bettina Meyer. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Mai 2026.

 

> Hinter der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuester Oper "L'Agamennone" steht eine Reihe künstlerischer Entscheidungen. Deren oberste: Kein Realismus! Die Szenerie ist ein Laufsteg. Vor den Köpfen der Zuschauer schreiten, schweben, hinken, kriechen und keuchen die mythologischen Figuren durchs Parterre. Die Handlung spielt im neobarocken Theaterraum des Berner Stadttheaters, nicht in der Natur Griechenlands, nicht vor dem Palast Mykenes, nicht in der Antike. Damit bekommt die Theatervorstellung zwar klassizistische Reinheit, versinkt aber zeitweise in den lauwarmen Wellen der bildungsbürgerlichen Langeweile. <

 

Als Äschylus vor zweieinhalbtausend Jahren für die Athener zu schreiben begann, kamen seine Stücke im neuen Theater zur Aufführung. Die alte, hölzerne Konstruktion war unter dem Gewicht des Publikums zusammengebrochen. Nun fanden die zehntausend freien Männer mit ihren Schwertern auf steinernen Stufen Platz. Zur Kompensation des Verdienstausfalls wurden sie vom Staat fürs Zuschauen entlöhnt. Frauen, Kinder und Sklaven hatten keinen Eintritt.

 

In achttägigen Festspielen, den sogenannten grossen Dionysien, vernahm gesamte Bürgerschaft "den Mythos", das heisst die Geschichte ihrer Vorfahren, Götter und Helden, durch welche sie das geworden waren, was sie waren: Griechen und Athener, ein Volk, das keine Herrscher kannte und sich durch seine demokratische Staatsform selbst regierte.

 

Mit zwölf Tragödien und fünf Komödien wurde der Mythos jährlich wiederholt. Alle kannten ihn auswendig. Bei der Tragödie "Agamemnon" wussten die Athener, was dem Drama vorangegangen war: der Kriegsheld hatte Klytämnestra erobert, nachdem er deren ersten Mann und ihr erstes Kind umgebracht hatte. Und die Athener wussten auch, wie es nach dem Ende des Stücks weitergehen werde: Prinz Orest, der Sohn, würde den Tod des Vaters durch die Ermordung der Mutter rächen.

 

Demzufolge verstanden sie auch das merkwürdige Benehmen der Königin: Bei der Heimkehr Agamemnons unterliess es Klytämnestra, den Gatten nach zehnjähriger Abwesenheit in die Arme zu nehmen. Im Palast wartete ja schon ihr Liebhaber mit dem Beil, um den Rivalen zu töten. Und Klytämnestra selber würde den Kopf der Prophetin Kassandra spalten, jener Rivalin, die Agamemnon aus Troja als Nebenfrau nach Griechenland schleppte.

 

Das antike Publikum vervollständigte mit seinem Vorwissen, was es auf der Szene sah und hörte. Darum genügte es, die Figuren auftreten zu lassen und die Handlung mit Abbreviaturen zu umreissen. Später, im alten Rom, in der Renaissance und in der Klassik, wandte sich der sogenannte gelehrte Dichter (poeta doctus) in dieser Weise an die Kenner und Liebhaber seiner Kunst. Die Laien, die das Gehörte nicht ergänzen konnten, waren vom Kunstgenuss ausgeschlossen. Durch ihr Unverständnis verrieten sie, dass sie nicht zur Auswahl der Kultivierten, das heisst: zur Elite, gehörten. Hier liegt der Grund, warum die Kenntnis der Klassiker bis zum 20. Jahrhundert die Funktion eines sozialen Distinktionsmittels versah.

 

In Bern knüpft nun die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "L'Agamennone" an diese Zeit an. Wer gebildet ist erkennt, dass das Bühnenbild von Bettina Meyer im neobarocken Stadttheater die Struktur der griechischen Bühne aufgenommen und abgewandelt hat. Es gibt hier, wie seinerzeit in Athen, zwei Tore: das eine führt zum Palast, das andere zur Welt. Die Personen kommen entweder von "innen" oder von "aussen".

 

Im alten Griechenland wurde in einer kreisrunden Orchestra gespielt; im heutigen Bern im Zuschauerrund des Parterres. Und wie in Athen die Zuschauer zum voraus wussten, was kommt und durch wen, stellt Regisseur David Hermann in Bern die Figuren als Schatten schon vor ihrem Auftritt in den Torrahmen. Sobald sie sich zu bewegen beginnen, folgen sie choreographischen Vorgaben. Zur Zeit von Äschylus kamen sie noch vom Dichter selbst; heute in Bern von Jean-Philippe Guilois.

 

Das gewöhnliche Volk (bei Schiarrino je zwei Bürger und zwei Bürgerinnen) steht, wie der Chor der Bühnen Bern, am Rand. Auf dem Laufsteg agieren die Hauptrollen. Ihre Auftritte bilden eine Welle. Zuerst kommt der Diener. Der darstellerisch intensive Thomas Hechler gibt ihn mit überzeugenden Wechseln von Tenor zu Alt und von Brust- zu Kopfstimme. Dann tritt Klytämnestra auf: Iris van Wijnen zeigt die überlebensgrosse Mörderin, eine ältere Schwester der Lady Macbeth, mit stolz geblähter Haltung und mehrdeutigem Lächeln. Es ist durchmischt mit Hohn, Selbstgefälligkeit und Herablassung. Den redlichen Herold zeichnet William Meiner mit rundem, wohllautendem Bariton. Der Bassist Timothy Connor verkörpert Agamemnon mitleiderregend als schuldigen, gebrochenen, vom Krieg geschundenen Mann. Und schliesslich Kassandra: Hell wie eine Lerche, die sich zum Himmel schwingt, spricht Patricia Westley mit silbernem Sopran die Todesahnungen der Schwarzseherin aus. Die Inszenierung stellt die Personen mit souveräner Gelassenheit in den Raum. Sie stammen aus einer entlegenen Welt, die indes alle Greuel, die uns heute von den Medien ins Haus gespült werden, bereits kannte. Die unheimliche Aktualität der Klassiker.

 

In Athen wurde die Handlung vor zehntausend Zuschauern mit einem einzigen Instrument begleitet: der Kithara (einer Vorform der Gitarre). Der italienische Komponist Salvatore Sciarrino verlangt heute für seine Oper ein ganzes Symphonieorchester. Doch unter der Leitung von Clément Lonca wirkt der Klang des Berner Symphonieorchesters so leicht, luftig und kristallin wie einst die gezupften Töne des Kitharöden.

 

Mit der künstlerischen Setzung des modernen Produktionsteams: "Abstraktion, nicht Realismus!" bekommt die Vorstellung eine klassizistische Reinheit. Hinter ihr erscheint das Drama, wie alle respektvoll dargebrachten Stoffe der humanistischen Tradition, wie hinter Glas. Die Figuren stehen zwar mitten unter uns, erreichen uns aber durch die Distanz von zweieinhalbtausend Jahren nicht mehr; schon nur, weil wir aus Mangel an Vorwissen bei der Handlung nur schwerlich einhängen können.

 

So breiten sich, allem guten Willen zum Trotz, im Berner Stadttheater immer wieder Wellen der bildungsbürgerlichen Langeweile aus. Der Mann von der Strasse und der Kritiker aus Bümpliz wohnen "L'Agamennone" mit jener anerzogenen Haltung von Respekt bei, die der Antike geschuldet ist. Und damit zeigt sich wieder einmal: "Lesen können ist das letzte, was man lernt." (Nicolás Gómez Dávila.)

Klytämnestra auf abschüssiger Bahn.