Die mumifizierte Roxane und der verzweifelte Cyrano. © Florian Spring.

 

 

Cyrano de Bergerac. Edmond Rostand.

Schauspiel.

Wolfgang Michalek. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. Mai 2026.

 

> Nicht, dass man "Cyrano" so herausbringen muss. Aber man kann. Indem man die Konventionen des deutschen Schauspiels respektiert, bleibt man unangreifbar. Von den dramaturgischen Schwächen des Originals lenkt man am besten durch einzelne körpersprachliche, musikalische und beleuchtungsmässige Glanzpunkte ab. Das ist zwar ganz okay, macht aber nicht die halbe Miete. Denn von Erfolg kann man beim Sprechtheater erst reden, wenn man versteht, was die Leute sagen. Und da klemmt's. Gäbe es nicht den überragenden Kilian Land als Cyrano, könnte man den Rest vergessen (den zuverlässigen Fritz Manhenke ausgenommen). <

 

Mit zehn Jahren kam der spätere Nobelpreisträger Elias Canetti in die erste Klasse des Realgymnasiums zu Wien. Im ersten Band seiner Autobiographie "Die gerettete Zunge" erinnert er sich an einzelne Kameraden:

 

Da war Stegmar, ein Junge, der wunderbar zeichnete und malte, ich war ein schlechter Maler und konnte mich an seinen Werken nicht sattsehen. Vor meinen Augen warf er Vögel, Blumen, Pferde und andere Tiere aufs Papier und schenkte mir, sie waren eben erst entstanden, die schönsten Blätter.

 

Man kann in diesen Sätzen, die eine stupende Begabung beschreiben, das "Cyrano"-Thema erkennen. Doch das steht hier nicht zur Debatte. Canetti fährt fort:

 

Am eindrucksvollsten war es, wenn er ein Blatt, über das ich staunte, rasch zerriss, weil es nicht gut sei, und es wieder von neuem versuchte. Das passierte ein paarmal, aber schliesslich hatte er das Gefühl, dass eines gelungen war, betrachtete es von allen Seiten und händigte es mir dann mit einer bescheidenen und doch ein wenig feierlichen Geste aus.

 

Im Unterschied zu Stegmar denkt der junge Canetti noch, er werde sich einmal als Forscher und Entdecker ferner Länder betätigen (wozu er sich im übertragenen Sinn auch entwickeln wird). Die bildende Kunst jedoch blieb ihm fremd.

 

Ich bewunderte sein Können und seine Freigebigkeit, aber es beunruhigte mich, dass ich keinen Unterschied finden konnte, alle Blätter schienen mir gleich gut geraten, und noch mehr als sein Können bewunderte ich die blitzartige Vollstreckung seines Urteils. Es tat mir um jedes Blatt leid, das er zerriss, mich hätte nichts dazu zu bringen vermocht, ein beschriebenes oder bedrucktes Blatt zu zerstören. Es war hinreissend zu sehen, wie rasch und ohne jedes Zögern, ja wie gerne er das tat. Zu Hause erfuhr ich, dass Künstler oft so seien.

 

Ja, die Künstler! Sie nehmen die feinen Unterschiede zwischen dem scheinbar Gleichartigen wahr und sind mit ihrem Differenzierungsvermögen, wie Sokrates sagte, dem Philosophen verwandt:

 

Wer nicht imstande ist, das Eine im Vielen und das Viele im Einen zu sehen, der hat keine Kunst der Dialektik.

 

Zu dieser Gilde zählte sich auch der Theaterkritiker Alfred Kerr:

 

Der wahre Kritiker bleibt für mich ein Dichter: ein Gestalter. Fortan ist zu sagen: Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik.

 

Und so blickte er 1898 mit dem scharfen Auge des Künstlers, Kenners und Philosophen auf Edmond Rostands "Cyrano de Bergerac" hinunter:

 

Wir sehen ein nettes Stück bewährter Art, wirksam-gefällig, in einem Punkt beinahe dichterisch und an die Seele greifend. Eine Erweiterung bisheriger Kunstgebiete stellt es im geringsten nicht dar.

 

Diese Sätze beschreiben nun auch die Berner Aufführung: Sie bringt ein nettes Stück Theater von der bewährten Art, aber keine Erweiterung bisheriger Kunstgebiete. Regisseur Wolfgang Michalek realisiert lediglich den heute gültigen Kanon auf wirksam-gefällige Weise. Wie die Konvention aussieht, beschrieb "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" in ihrer Besprechung der "Gerechten" (Les Justes) von Albert Camus, einer hervorragenden Pariser Produktion vom Oktober 2025:

 

In deutschen Aufführungen gäbe es irgendwo ein Schlagzeug oder ein Klavier. Jemand würde sich dransetzen und anfangen zu spielen. Vielleicht wäre der Boden unter Wasser, und die Füsse würden darin herumplanschen. Bestimmt käme Video dazu. Und ein Ständermikrophon. Einzelne Passagen würden wiederholt, chorisch gesprochen oder gesungen. Die Hauptfiguren würden verzwei-, verdrei-, vervierfacht und dürften auch von Frauen gespielt werden. So viel Gendergerechtigkeit muss sein.

 

Und so kommt nun "Cyrano" in Bern daher. Weil das Erzähltheater verpönt ist, dafür aber das Aufbrechen, Assoziieren und Antupfen im Kurs steht, folgt Wolfgang Michaleks Aufführung nicht dem Zeitstrahl. Edmond Rostand lieferte noch eine lineare Dramaturgie. Die Szenen waren logisch und kausal miteinander verbunden. Doch in Bern sind die Zwischenglieder gekappt. Vom Stück bleiben nur noch wirksam-gefällige Häppchen. Und da die Hälfte der Geschichte gestrichen ist, ist auch die Vorstellung nach der halben Aufführungszeit schon aus.

 

Zum Glück steht mit Kilian Land ein überragender Darsteller zur Verfügung, auf den Alfred Kerrs Charakterisierung passt, soweit es die Inszenierung zulässt:

 

Wir grüssen den edlen, verrückten, herrlichen Cyrano; den Raufbold, der sich nicht ergibt; den Raufbold ums Ideal und um des Raufens willen; der unglücklich und lustig ist, im Sterben noch Witze macht, kein Geld zu haben pflegt und in innerer Ungeducktheit allein bis zum Ende schreitet. Er ruft vor der Masse seiner privaten Feinde: "N'importe je me bats, je me bats, je me bats!" [In Bern fehlt der Stelle jede Grösse.] Und dieser herrliche Schrei ist die Losung aller besseren Menschen; der Don-Quixote-Naturen. Cyrano muss wie ein Kater herumgehn, absunderlich [sic!], kauzhaft, wunderlich, ein Edelmann bis in die Fingerspitzen und ein Künstler; bei allen Fanfaronaden doch mit einer gewissen Schrecklichkeit behaftet, weil er die Tat dem Worte folgen lässt; sarkastisch, eitel, gutherzig; ein humorhaft Gekreuzigter; von der letzten feinsten Durchgeistigung. Die grosse Nase schafft sein Schicksal. In ihr ruht der ewige Kampf zwischen Materie und Geist beschlossen. Sie trägt wahrlich den Ewigkeitszug. Die Gestalt würde sentimental sein, wenn sie etwa bucklig wäre. Solange sie an der Nase krankt, steigt eine Komitragödie herauf. Vielleicht ist Rostand hier ein Dichter gewesen.

 

Und Kilian Land? Der hätte zweifellos das Zeug gehabt, die Figur triumphal durchzutragen und all ihre Aspekte zu realisieren. Doch die Inszenierung hat ihm Cyrano bestritten und die Rolle auch noch auf Jan Maak und Lou Haltinner verteilt. Mit der Fragmentierung des Helden deckt die Aufführung zu, dass sie die "Masse seiner privaten Feinde" weggestrichen hat. Immerhin bietet sie mit Fritz Manhenke als Christian nicht nur einen Schauspieler, der einen schönen Menschen spielt, sondern einen Menschen, der ein schöner Mensch ist und dazu noch schön spielt. Heidi Maria Glössner verkörpert eine mumifizierte Roxane. Auch die Diktion ist zerbröselt. "Es ist in diesem Fall ein freundliches Ergötzen, schon mehr Begutzen, am Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten. Eine glänzende Konservenkunst" (Alfred Kerr).

 

Es wurde in dieser 74. Kritik der laufenden Spielzeit viel zitiert. Aber das Zitieren bildet den Kern des Stücks: Cyrano bläst dem schönen, aber in keiner Weise beredten Christian die Sätze ein, welche Roxanes Herz erobern. Im Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten und Rostands formulierte sie noch ein Dichter. Heute macht das KI:

 

Cyrano ist ein klassischer Ghostwriter. Er fungiert als unsichtbare Intelligenz im Hintergrund, die die Interaktion zwischen zwei Menschen (Christian und Roxane) ermöglicht, die ohne seine Unterstützung vermutlich nicht zueinandergefunden hätten.

 

Viele Menschen nutzen KI heute, um E-Mails zu formulieren, Berichte zu schreiben oder Texte zu glätten. Die KI schreibt "für jemanden", damit dieser nach aussen hin kompetenter, wortgewandter oder schlagfertiger wirkt – exakt die Rolle, die Cyrano für Christian einnimmt.

(Gemini.)

 

Die immerwährende Aktualität der Klassiker. Ein letztes Zitat.

Cyrano 1, 2 und 3: "Je me bats, je me bats, je me bats!" 

Der Künstler ist mit einer gewissen Schrecklichkeit behaftet.

Aber seine Geschichte ist in einzelne lose Blätter auseinandergefallen.