Der Knochenmann sitzt im Krieg stets neben dir. © Joel Schweizer.

 

 

Urs Graf. Zwischen Kunst und Krieg. Katharina Ramser.

Rechercheprojekt.

Katharina Ramser, Stefanie Liniger, Myriam Casanova, Nora Bichsel, Wim Wermuth. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. Mai 2026.

 

> Beglückend an diesem Rechercheprojekt ist der sensible Umgang mit allen Ebenen des Theaters. Raum, Kostüm, Musik, Beleuchtung, Wort und Spiel sind, wie die Franzosen sagen, "sans faille" – auf Deutsch: einwandfrei. Ohne dass Spannung oder Qualität je nachliessen, reflektiert die Produktion auf imponierende Weise das schwierige Thema von Krieg und Kunst durch kluge Bemessung der szenischen Mittel. <

 

17 Jahre lang brauchte Alfred Berchtold für seine magistrale Monographie "Bâle et l'Europe : une histoire culturelle". Das 891 Seiten starke Werk kam 1990 heraus. Wegen seiner zahlreichen Abbildungen umfasst es zwei Bände; Gesamtgewicht: 2,32 kg. Von Urs Graf vermeldet der Genfer Schriftsteller und Historiker:

 

Der Solothurner Graveur, seit 1512 Bürger von Basel, zuerst Handwerker, dann Künstler, warf sich in den Totentanz der Söldnerkriege und brachte daraus Beute, Wunden und Narben zurück. Die Künstler seiner Zeit sassen still vor dem Gegenstand ihrer Studien, ihrer Betrachtung. Urs Graf hingegen war der Inbegriff der Unbeständigkeit. Er durchsetzte seine berufliche Tätigkeit unaufhörlich mit Fluchtversuchen, Streitereien, Militärexpeditionen oder Gefängnisaufenthalten. Er spielte mit dem eigenen Leben und dem anderer; er provozierte Bürger und Behörden mit seinem Getue, seinem Sarkasmus und seinem zügellosen Lebenswandel. Durch sein Strafregister lässt sich seine Biographie rekonstruieren. Nachdem er die Kriegslager kennengelernt hatte, war er nicht mehr in erster Linie der geschickte Illustrator der guten Basler Verlage, sondern der Zeichner mit dem fieberhaften, abgehackten Strich, der seine obsessiven Visionen ausdrückte: der Krieg, das Spiel mit der käuflichen Liebe und dem Tod, der knappe Dialog zwischen dem Mädchen und dem Söldner, und immer wieder der unaufhaltsame Marsch des Schweizer Soldaten, des Reisläufers, des Fahnenträgers mit den eisernen Knien und der überschäumenden Energie. Die Diagonale des schnellen Marsches – welch ein Schrittumfang, welch eine Elastizität! – drängt sich den Elementen auf, die die Strasse säumen, bis hin zu den Wegmarken. Ja, alles wird von einem zwingenden Rhythmus mitgerissen. Die im Wind wehende Fahne zieht ihren berauschten Träger mit sich. Der Reiz des Daseins liegt in der Flucht aus den Gefängnissen des geordneten Lebens. Schlaft ruhig, Handwerker der Zünfte! Geniesst eure Sonntagsspaziergänge am Arm eurer ach so rechtmässigen Ehefrauen! Im Lager entscheidet der Würfel über das Leben und den Besitz des begehrten Fleisches. Hoch oben in einem Baum wartet der Tod auf den Ausgang des sentimentalen Geplänkels oder der unerwarteten Auseinandersetzung: der Tod, der bereits im Moment der Rekrutierung des Söldners durch einen ausländischen Werber gegenwärtig ist. Leider hat jeder Feldzug ein Ende. Es ist Zeit für die Rückkehr; das Geld ist verloren, die Uniform zerfetzt, die Hoffnungen geschwunden. Doch die Gewohnheiten sind tief in euch verankert: die Lust am Blut, am Spiel, an der brutalen Auseinandersetzung. Urs Graf misshandelt seine Frau und schlägt einen Unbekannten auf der Strasse nieder. Bei jeder Entlassung aus dem Gefängnis verspricht er, sich zu bessern. Die ganze Euphorie einer Epoche der Eroberungen, die ganze Bitterkeit der ernüchternden Tage danach, ebenso wie das psychische und soziale Ungleichgewicht eines genialen Aussenseiters – das flimmert durch die Blätter, die Urs Graf mit fieberhaften Strichen durchzogen hat. Das Grauen des Krieges lässt sich bei ihm ablesen, noch vor Callot und Goya. Der Todesrabe krächzt bei Urs Graf, diesem Verfechter eines allzu leidenschaftlichen Lebens, der im Alter von 44 Jahren verglüht. Die letzte Erwähnung von ihm stammt aus dem Jahr 1527. Ein Jahr später heiratet seine Frau wieder ... einen Messerschleifer.

 

Mit ausserordentlichem Gespür für die Nuance bringt Katharina Ramser am Jurasüdfuss den Wirbel von Urs Grafs Lebenslauf auf die Bühne. Nach dem Prinzip "Weniger ist mehr" lässt sie die ganze zweitägige Schlacht von Marignano mit 18'000 Gefallenen allein durch Gabriel Noah Maurer und Anna Blumer vortragen. Dramaturgin Nora Bichsel hilft durch exakt choreographierte Bewegungen, die Bühne ausdrucksstark zu bespielen. Die Kombination von Stefanie Linigers schwarzen, auf und niedergleitenden Vorhängen wie Leichentücher und Wim Wermuths meisterlich bewegtem Licht, gesteigert durch wirkungsvoll eingesetzte Klänge, gibt jeder Situation, jeder Figur Gewicht und Bedeutung. Und so ziehen sie auf, Erzähler und Erzählerin, Kriegswerber, Zunftgenossen, Laufburschen, Gesellen, Kardinal, Richter, Trosserin, Mutter, in den Kostümen von Myriam Casanova, die wirkungsvoll eine Atmosphäre hervorrufen und die Gestalt charakterisieren.

 

Wie auf Urs Grafs Bildern ist immer der Tod dabei, mit leeren Augenhöhlen und bleckendem Grinsen im beinernen Schädel, unheimlich und vertraut, kalt und kameradschaftlich einem. Graziös wie eine Katze stellt sich Janna Mohr als Knochenmann zu den Menschen und erinnert durch ihre stumme Präsenz an die famosen Totentänze des Spätmittelalters. Günter Baumann zeichnet Urs Graf mit einem Zug von verhaltener Melancholie. Der Künstler und Reisläufer will der Schöpfung die Essenz des Lebens abtrotzen und weiss im Innersten doch, dass alles Tun vergeblich ist.

 

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die Welt.

 

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?

Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?

Ein schnöder Schein in kurzgefassten Grenzen,

Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht;

Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt;

Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,

Ein faules Grab, so Alabaster deckt.

Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen.

 

Auf der Bühne beginnen die Gegenstände zu sprechen. Sie sind alle stabförmig: der Schreib- und der Zeichenstift, der Dolch und der Säbel, die Krücke und die Beinprothese – und, am Schluss, das Ständermikrofon. Diese Einheitlichkeit krönt die Ökonomie der Mittel, durch die sich die ganze Aufführung auszeichnet. Aus dem gebauschten Kostüm geschält stellt sich Anna Blumer in die Mitte der leeren, schwarzen Bühne. Schlicht trägt sie die Klage des Friedens vor, den die Menschen beiseiteschieben, um dem Krieg zu folgen. Dann tritt sie ab. Traurig bleibt der Mikrofonständer zurück als Mahnmal gegen Krieg und Mord.

 

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

      Und rede du darein!

's ist leider Krieg – und ich begehre

      Nicht schuld daran zu sein!

 

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

      Und blutig, bleich und blass,

Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,

      Und vor mir weinten, was?

 

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

      Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten

      In ihrer Todesnot?

 

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

      So glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, alle arme Leute,

      Wehklagten über mich?

 

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

      Freund, Freund und Feind ins Grab

Versammelten, und mir zu Ehren krähten

      Von einer Leich herab?

 

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

      Die könnten mich nicht freun!

's ist leider Krieg – und ich begehre

      Nicht schuld daran zu sein!

 

Matthias Claudius: Kriegslied (1778).

Die blutige Wäsche. 

Angeführt vom Tod. 

Stets am Rand dabei.