Demian. Hermann Hesse.
Schauspielfassung der Erzählung.
Marin Blülle, Louis Panizza, Oh No Noh (Markus Rom). Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 2. April 2026.
> Die Aufführung ist gut gemacht, zugegeben; doch sie zeigt auf jeder Ebene zu viel Andacht. Hermann Hesse schildert die Probleme des Heranwachsens mit der Goldfeder, und für das Störfeuer der Homoerotik verwendet er das vornehme gymnasiale Aufsatz-Deutsch. Übers Grab hinaus bewirtschaftet er die Themen Coming of Age und Queerness. Gleich andächtig bringt die Aufführung den Text auf die Bühne. Nichts von Regietheater, nichts von Häme, nichts von Stückezertrümmerung. Respektvoll wird die Prosa nach dem Strich gebürstet, und im kleinen Experimentierraum des Berner Schauspiels bleibt "Demian" unhinterfragt im Schongehege des edlen Kitschs. <
Zwischen der öffentlichen Aufführung in Vidmar 2 und den Zeitangaben auf dem Programmzettel, beziehungsweise dem Spielplan am Tag der Premiere, sind vierzig Minuten verlorengegangen. Nicht zum Schaden des Werks. Es dauert jetzt noch 1 Stunde 10 anstelle von 1 Stunde 50 Minuten. In der Fassung, welche Marin Blülle inszeniert und vermutlich auch hergestellt hat (der Programmzettel verschweigt den Namen des Bearbeiters), kommt nur noch eine einzige Frau vor: Emil Sinclairs Mutter, schön ambivalent gezeichnet von Isabelle Menke.
Weggefallen ist das Mädchen namens Beatrice, das für den Ich-Erzähler auf Sinn- und Selbstsuche eine Leitfigur wird – in Analogie zu Dantes "Divina Commedia". Weggefallen ist auch Frau Eva, Demians Mutter. In der Erzählung wird sie dem jungen Mann zur zweiten Leitfigur, verweigert aber dem Schmachtenden die erotische Erfüllung: Sie sei nur ein "Sinnbild seines Inneren". Weggefallen der Musiker und Mythenforscher Pistorius, der als Seelenführer, Traumdeuter und Prophet der Abraxas-Theologie auftritt. Weggefallen die Auffassung der Lebensbahn als Individuationsprozess nach dem Konzept von C. G. Jung, der das Werk auch gleich nach dem Erscheinen für seinen "Psychologischen Klub" in Zürich anschaffte.
Weggefallen schliesslich der Erste Weltkrieg. Der Ich-Erzähler Emil Sinclair wird durch eine Granate lebensgefährlich verletzt, erlebt aber im Augenblick der Explosion eine visionäre Wiedergeburt. Als er zufällig noch einmal Demian begegnet und dieser neben ihm im Lazarett stirbt, weiss Sinclair, dass er ihn als Führer nicht mehr braucht: Er kennt nun den Weg zu sich selbst.
Indem die Aufführung dieses Ende streicht, bestätigt sie die Beobachtung des Historikers Christoph Zürcher, Castorf-Fan der ersten Stunde: "Man weiss heutzutage im Schauspiel nie, wann eine Vorstellung aus ist." So auch in Bern. Man klatscht, weil das Licht erlischt, und nicht, weil sich die Sache gerundet hat.
Andererseits hat das Aufführungsteam den Beifall auch verdient. Fritz Manhenke zeichnet die Entwicklung des Buben zum jungen Erwachsenen sehr redlich und engagiert nach. Dessen Zweifel und Nöte sind glaubwürdig, und am Ende der Aufführung wünscht man ihm, wie es jeweils in den Absagen heisst, "für die berufliche und persönliche Zukunft weiterhin viel Erfolg und alles Gute".
David Berger – eine Stütze des Ensembles – findet stimmig Ausdruck für die schwarze Gestalt des Vaters und die Fluidität des ungewöhnlich wissenden Demian, Archetypus des "Selbst" und des "Führers". Hermann Hesses Roman entstand ja parallel zu einer tiefenpsychologischen Behandlung des Dichters beim Jung-Schüler J. B. Lang.
Das hervorragend minimalistische Bühnenbild von Louis Panizza spielt überlegen mit den Ebenen harter Alltag einerseits (Blecheimer und Wannen, einfache Holzstühle und Tische), Reflexion der Selbstsuche andererseits (wirkungsvolle Kipp- und Spiegelflächen).
Die kurze Produktion verschont das Publikum mit der Ausschmückung der Träume, den beiden Schächergeschichten, der Vogel- und Eissymbolik, den Archetypen, Bildern und gnostischen Mythen. Was stehen blieb, ist immer noch lang genug, und "Demian" bleibt, was er ist: Sublimierter Edelkitsch. Wie wohltuend dagegen Tante Heete in Arno Schmidts Roman "Kaff":
"Ich haap'ass immer gern gemachd; ich leug'n das gaa nich." (Und, in gewalltijer Ehrlichkeit): "Ich hädda wohl heut=manchma noch Appetiet=zu. – Aber über 60 erleedicht mandas woh besser inne Fanntasie, unn mitdde Hand."
Wirkungsvolles System ...
... von Spiegelungen.
