La Cenerentola. Gioacchino Rossini.
Oper.
Levente Török, Andrea Moses, Susanne Gschwendter. Staatsoper Stuttgart.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.
> "La Cenerentola" an der Staatsoper Stuttgart ist ein reines Glück. Die Produktion hat Weite, Schönheit und Tiefe. Mit diesen Qualitäten wird sie Rossinis "Melodramma giocoso" in vollkommenem Mass gerecht. Die Bandbreite reicht vom souveränen Metier (Herrenchor, Orchester, Dirigent) über die helle, intelligente Regiekonzeption bis zur beeindruckenden Strahlkraft des Gesangs bei Aschenbrödel, Prinz und Alidoro. <
Kennzeichen dieser erstklassigen Aufführung ist, dass an verschiedenen Stellen das Unerwartete geschieht, nämlich das Aufblühen. Die Schönheit (menschlich, interpretatorisch, gesanglich) bekommt in diesen Momenten die Qualität einer Erscheinung (apparition). Gioacchino Rossini hat sie angestrebt, indem er hohe Töne in die Partitur setzte. Für die Sänger geht es darum, den Part so anzulegen, dass er eine aufsteigende Linie bildet.
Aschenbrödel, Prinz und Alidoro beginnen unscheinbar, mezza voce, in der Tiefe (musikalische Leitung: Levente Török). Die Hauptfiguren haben die Tugend der Bescheidenheit. Sie ist das Kennzeichen des seelischen Adels (noblesse d'âme). Die vulgären Figuren besitzen sie nicht. Sie rufen beim Auftreten gleich: "Ich, ich, ich!" So bewegt sich das Spiel zwischen den Polen Zurückhaltung und Parade, und die Palette reicht vom scheuen Ernst der echten Liebesgefühle bis zur Lächerlichkeit der vorgetäuschten Emotionen.
Die Stuttgarter Oper kann alle Rollen aus dem Ensemble besetzen. Damit gehört sie in die Liga der grossen Repertoire-Häuser Staatsoper Wien, Teatro alla Scala di Milano, Opéra national de Paris, Metropolitan Opera House New York. Die lächerlichen Figuren sind fein getroffen. Die edlen rühren ans Herz.
Die Gefühlsechtheit, das Volumen und die Schönheit der Stimmen führen bei Itzeli del Rosario (Aschenputtel), Alberto Robert (Prinz) und Jasper Leever (Alidoro) zu unvergesslichen Höhepunkten. Und die Zuschauer spüren: Das bekommst du kein zweites Mal!
In Form der Märchenparodie zeichnen Gioacchino Rossini und sein scharfsinniger Librettist Jacopo Ferretti ein satirisches Adelsgemälde. Die Handlung spielt im Haus eines heruntergewirtschafteten Barons und in der Residenz eines fremdbestimmten jugendlichen Monarchen (Bühne: Susanne Gschwendter). Andrea Moses inszeniert die unwahrscheinliche Geschichte, bei der angeblich die göttliche Vorsehung die Fäden zieht, als ironisch verschachteltes Spiel. Durch das Mittel von "Theater im Theater im Theater" entsteht eine dreifache Brechung.
Die Aufführung beginnt an einem grossen, vornehmen Aufsichtsratstisch. Hier waltet die Vorsehung, verkörpert durch die Charakterköpfe des Herrenchors. Auf erhöhter Ebene läuft die eigentliche Oper ab. Da müssen sich die Guten verstellen: Angelina spielt, um nicht verstossen zu werden, eine Hausmagd; der Prinzenerzieher Alidoro spielt, um den Verlauf zu steuern, einen Bettler und einen Priester; und der Prinz spielt, um den Charakter der Bewerberinnen zu erforschen, einen Diener.
Auch der Chor spielt: In seinen schwarzen Anzügen gibt er sich seriös und reputabel. Doch beim Fest legt er das Benehmen ab. Wie bei Jeffrey Epsteins Orgien lassen sich die Herren ungehemmt gehen. – Unheimlich: die Produktion hatte am 30. Juni 2013 Premiere. Und an ihrer 56. Vorstellung am 13. April 2026 ist sie noch nicht überholt. Die immerwährende Aktualität der Klassiker.
Die Liebe.
Der Auftritt.
Der Neid.
