Tyll. Daniel Kehlmann.
Schauspielversion von Markus Heinzelmann und Holger Schröder.
Markus Heinzelmann. Staatstheater Braunschweig.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.
> Einen Monat nach der Premiere fehlen im grossen Haus des Staatstheaters Braunschweig zwei Drittel des Publikums. Kein Unglück. Den Abwesenden bleibt die Erfahrung erspart, wie schlecht Theater sein kann, wenn der Wurm drin ist. <
Der Wurm:
– Die Aufführung dauert viel zu lang. Im Programmheft steht: "ca. 3 Stunden", aber faktisch sind es dreieinhalb.
– Die Fassung von Daniel Kehlmanns Roman, welche Dramaturg Holger Schröder mit Regisseur Markus Heinzelmann vornahm, hat weder Farbe, Tempo noch Spannung.
– Wie bei "Babettes Fest" (entstanden ebenfalls aus der Zusammenarbeit von Dramaturg und Regisseur) kommt die Theaterfassung nicht um epische Komponenten herum; sei es, um über Geschehnisse ausserhalb des Bühnenrahmens zu informieren (wie beim Botenbericht der antiken Tragödie); sei es, um Gedanken der Figuren auszusprechen (wie beim Monolog des klassischen Dramas). Auf diese Weise bewegt sich die Rede der Figuren nicht nur auf der Realitäts-, sondern auch auf der Metaebene, und sie wird funktional, erklärend, orientierend (wie beim Verfremdungstheater von Brecht). Beim Hörspiel hat sich die Technik bewährt. Man unterscheidet zwischen innerer Stimme, äusserer Stimme sowie Erzähl-, bzw. Kommentarstimme. Auf der Bühne funktioniert das Verfahren unter der Bedingung, das die verschiedenen Ebenen gut unterscheidbar sind. In Braunschweig ist das nicht der Fall. Also Kuddelmuddel.
– Das Kuddelmuddel übersteigt die Schmerzgrenze, weil "Chor/Erzähler*in: Ensemble" nie im Gleichtakt gehen, sondern durcheinanderreden. Wie ist das Versagen zu erklären? Probenmangel? Ermüdung? Schlamperei? Joyce jedenfalls wäre in die Luft gegangen:
James betrachtete den Stil – ob gut oder schlecht – als den intimsten Ausdruck des Charakters, und schlampiges Schreiben rief bei ihm stets zornige Verachtung hervor.
(Stanislaus Joyce)
– Die Braunschweiger Tonanlage ist ein Debakel. Ihr Frequenzband vermag die Qualität der Stimmen nicht wiederzugeben, sondern engt sie ein auf das Schnarren von Handylautsprechern. Viele Konsonanten sind unhörbar, namentlich die frikativen. Weil die Schauspieler in ein Kopfmikrofon sprechen, ist ein Drittel der Sätze unverständlich.
– Ungenügend ist auch das Video. Punkto Qualität und Handhabung erreicht es bloss das Niveau einer Schüleraufführung. Aber ein Staatstheater muss mehr liefern, technisch und dramaturgisch.
– Selbstverständlich kommt ein Wasserbecken vor, und es wird darin herumgeplanscht. Ruth Berghaus erfand das Element vor 41 Jahren als Modernitätsmerkmal für "Cosi fan tutte". In ihrer Inszenierung machte es Sinn. Heute ist es meistens abgelutschte Wichtigtuerei.
– Der Einsatz von Nebel, Schneeflocken, Lamettaregen und Sound steht in der Regel umgekehrt reziprok zur Qualität der Aufführung. Die Wahrheit dieses Erfahrungssatzes kann das Publikum bei "Tyll" dreieinhalb Stunden lang prüfen. Und es erkennt: Mies van der Rohe hatte recht. "Weniger ist mehr" (1929/30).
– Die Darsteller sind schlecht geführt. Sie nehmen lediglich eine Haltung ein und liefern Sätze ab. Darum haben ihre Personen kein Gewicht. Sie sind leer.
– Das gilt leider auch für die blasse Darstellerin von Till Eulenspiegel.
In summa: Was das Braunschweiger Staatstheater bei "Tyll" zeigt, hätte es an keiner anderen Bühne zur Premiere gebracht. Gott sei gelobt.
Sauberes Wasser.
Hofatmosphäre.
Schneetreiben.
