Der heikle Fall. © Thomas M. Jauk/Stage Picture.

 
 

 

Tag der Ansteckung. Felicia Zeller.

Schauspiel.

Christoph Diem, Florian Barth. Staatstheater Braunschweig.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.

 

> Felicia Zellers jüngstes Schauspiel lässt sich mit einem Satz von Hamlet zusammenfassen: "Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt." Was heute "zwischen Himmel und Erde" schwebt, ist das Coronavirus. Es hat viele umgebracht und etliche aus der Bahn geworfen. Doch das lange Leiden der Gezeichneten entwischt der "Schulweisheit" von Ärzten, Behörden und Sozialversicherungen. Nun kommen die gegensätzlichen Aspekte von Long-Covid auf der Bühne zur Sprache. <

 

Um gegensätzliche Aspekte zur Sprache zu bringen, benützt das Theater gern das Gerichtssaaldrama. Die Frage: "Wer hat recht?" weckt Spannung. Das Publikum identifiziert sich in der Regel mit der unterlegenen Partei: "Hoffentlich kommt's gut!" Die Lösung bringt meist ein "deus ex machina", sprich: ein unvermittelt auftretender Zeuge, ein lang zurückgehaltenes Geständnis oder, im konkreten Fall, ein zwei Wochen altes Präzedenzurteil, das den neuesten Stand des Wissens berücksichtigt und die bisher übliche Rechtspraxis zur Korrektur zwingt.

 

Die Abstraktheit der Handlung ergibt sich daraus, dass die Geschichte vor einem Sozialgericht verhandelt wird. Es geht um den Fall einer jungen Pflegerin, die wegen Covid-Folgeerscheinungen ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben kann. Ist der Auslöser – "Tag der Ansteckung" – als Arbeitsunfall zu qualifizieren oder nicht? Die Betroffene, die Juristen, die Experten und die Versicherungen sehen das unterschiedlich.

 

Im konkreten Fall stehen also nicht Schuld oder Unschuld zur Debatte, sondern Gesetzeslage, Rentensystem und behördliche Zuständigkeit für die Bemessung und Zuteilung von Ansprüchen. Die Frage, wie Mensch und Staat, Wirklichkeit und Wissenschaft, Einzelfall und allgemeine Gerechtigkeit zu vereinen seien, führt in die Aporie, und Covid wird zum Symbol für die Überforderung der institutionellen Player.

 

Auf der Bühne arbeitet Regisseur Christoph Diem die menschlichen Aspekte heraus. Die Darsteller spielen aus der Mitte der Figur. Der Ansatz gibt ihnen Profil und Glaubwürdigkeit. Florian Barth lockert die Trockenheit der Materie durch Bewegungen auf der Leinwand, Veränderungen von Licht und Ton und Umbauten auf der Bühne so weit auf, dass die Handlung selbst da bewegt erscheint, wo sie stagniert. Ein handwerklich überzeugender Abend.

Die Expertin. 

Das Frauengespräch. 

Das Männergespräch.