Dialogues des carmélites. Francis Poulenc.
Oper.
Cornelius Meister, Ewelina Marciniak, Julia Kornacka. Staatsoper Stuttgart.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.
> Für den Glauben schreiten die Karmeliterinnen am Ende der Oper in den Tod. Sie haben den Märtyrereid geschworen und singen unentwegt "Salve Regina", während die Guillotine ihren Gesang ausdünnt. "Ssssstt!", saust die Klinge, "sssstt!" und wieder "sssstt!" Als das ganze Kloster geköpft ist, herrscht Stille. Jetzt legt Generalmusikdirektor Cornelius Meister den Stab ab. Er verlässt die Stuttgarter Staatsoper. Für immer. Die guten Zeiten sind vorbei. Ab nächster Spielzeit muss Baden-Württemberg Millionen sparen. <
In der dritten Vorstellung bindet die Mayonnaise nicht. Gesang, Werk, Orchester und Inszenierung gehen eigene Wege. Nur gerade bei Rachael Wilson, Darstellerin der Hauptfigur Blanche de la Force, verschmilzt die Stimme mit dem Orchesterklang. Das hat mit Volumen und Timbre zu tun. Der Rest der Mitwirkenden wirkt eine Stufe schwächer; er ist weder im Flow der Geschichte noch im Flow der Musik.
Die Farblosigkeit geht aufs Regiekonzept zurück. Ewelina Marciniak weigert sich, das Drama historisch zu verorten. Ihr Thema ist nicht das Verbot der Religionsausübung und die Aufhebung der Klöster durch die französische Revolution, sondern die prinzipielle Unterdrückung der Frau durch den Mann. Damit vertauscht sie den Gang der Geschichte durch ein ideologisches Manifest.
Nun tragen die Nonnen keine schlichten Trachten mehr, sondern Patchwork-Kostüme mit feministischen Aufschriften (Julia Kornacka). Sie knien nicht mehr zum Gebet nieder, sondern stehen für ihre Rechte ein. Sie sind zwar noch Schwestern, aber nicht im Glauben, sondern in der Frauensache. Bei dieser Konzeption geht es nicht mehr um Ergebung, sondern um Aufstand.
Dergestalt schwimmen die "Dialogues des carmélites" mitten im Mainstream. Was heute auf den Bühnen des deutschen Sprachraums aufgeführt werden will, muss inhaltlich die Bedingungen (1) woke sowie (2) feministisch einhalten und (3) formal assoziativ vorgehen. Gottesbezug, Sündenbewusstsein, Erlösung durch Gnade und Barmherzigkeit, Jenseits und ewiges Leben, kurz: Christlichkeit sind tabu. Demzufolge liegt Poulencs Oper quer zum Zeitgeist. Sie stört. Doch nicht in Stuttgart. Hier giesst die Inszenierung das Werk in die gängige, das heisst: für die Mehrheit erträgliche Form um. Der Skandal des Kreuzes ist entschärft.
In der christlichen Theologie bezeichnet "der Skandal des Kreuzes" den Anstoss, das Ärgernis, die Zumutung, dass Gott sich in der Gestalt Jesu ausgerechnet durch einen entehrenden, gewaltsamen, politisch-kriminellen Tod offenbart. Das Kreuz ist nicht nur Symbol, sondern Paradox: Macht erscheint als Ohnmacht, Herrlichkeit als Schande, Gott als der Gekreuzigte. Davon legen die "Dialogues des carmélites" Zeugnis ab. Doch in Stuttgart wird die Botschaft umgemodelt.
Passend zu dieser Verharmlosung erscheint heute die Autobiographie eines berühmten Webers auf den Markt. Jean-Remy von Matt (73) prägte die Slogans "Geiz ist geil" und "Wer hat's erfunden?" In einem Gespräch mit Radio SRF erklärte er, kreativ zu sein bedeute "Ungehorsam, Regelbruch, Ordnungswidrigkeit, Normverletzung und Störung". Davon bräuchten wir generell mehr: "Ich finde, dass wir uns heute in einem sehr engen, politisch korrekten Korridor bewegen und dass alles, was diesen Normen widerspricht, heute negativer denn je auffällt."
Seine Beobachtung gilt auch fürs Theater. Die Truppen sind damit beschäftigt, Flagge zu zeigen und More of the same zu liefern, anstatt Kunst zu machen. Dabei bedeutet "Diversität" Vielfalt – inhaltlich und formal. Es ist Zeit, dass der Fächer wieder breiter wird und Gegensätzlichkeit zulässt.
Das natürliche Sterben.
Der kollektive Schwur.
Der gewaltsame Tod.
