Das Höchste leisten, und in der vorzüglichsten Gattung ... © Florian Spring.

 

 

Trophäe. Gaea Schoeters.

Romanadaptation.

Roger Vontobel, Olaf Altmann, Jana Findeklee/Joki Tewes, Matthias Herrmann, Emma Murray, Michael Gööck. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 29. März 2026.

 

> Mit der Uraufführung von "Trophäe" bietet die Schauspielsparte der Bühnen Bern ihrem Publikum das überwältigende Erlebnis totaler Immersion. Roger Vontobel und sein Team erfinden dabei das Theater neu und setzen auf ungewohnter Höhe Darstellerinnen, Musik, Licht und Raum so erfindungsreich in Bewegung, dass der Erzählstrom die Seele mit traumartiger Intensität ergreift. Beim Erwachen blickt man auf eine ungewohnte, fremde, abstossende und faszinierende Welt zurück, wie sie dem Theater in seinen Ausnahmemomenten zu schaffen vergönnt ist. <

 

Schon das Licht ist ein Abenteuer. Wie am Burgtheater bei "Johann Holtrop" verwandelt Michael Gööck auch in Bern Statik in Dynamik. Wieder bringt er den Raum ins Fliessen. Und da die Spielfläche nicht von einem Rahmen begrenzt ist, bildet sich im Zuschauer bald der Eindruck, nicht bloss vor einem Geschehen zu sitzen, sondern in den Strudel hineingezogen und vom fortwährenden Wechsel der Farben und Intensitäten bewegt und mitgetragen zu werden.

 

Die reiche Schweiz. Die Decke des riesigen Spielraums ist lückenlos mit Scheinwerfern behangen. Wenn ausländische Techniker das sähen, würden sie sich die Finger lecken bis zum Ellbogen. In lichttechnischer Hinsicht entspricht die Ausstattung von Vidmar 1 der Stephansdom-Orgel mit ihren 185 Registern. Als Künstler hat Michael Gööck nicht nur das Talent, sie zu bespielen, nein, er entwickelt dafür auch noch seine eigene Partitur.

 

Die Lichtkomposition interagiert mit der Tonspur. Als Barpianist kostümiert, empfängt Matthias Herrmann am Flügel die hereinkommenden Zuschauer und dann, wenn das Saallicht erlischt, auch die drei Darstellerinnen. Sie bereiten sich im Kreis eines Scheinwerfers auf ihre Rolle vor und helfen einander, Kragen und Schlips zu richten (Kostüme Jana Findeklee und Joki Tewes).

 

Perlende Tastenläufe führen in die lässige Eleganz eines Fünfstern-Resorts für afrikanische Wildtierjäger. Ohne mit der Wimper zu zucken, blättern die Banker, CEOs und Unternehmer sechsstellige Summen für ihre Abschusslizenz hin und kaufen zu diesem Preis Exklusivität und Noblesse.

 

Jetzt beugt sich der Pianist vor und schlägt mit einem feinen Metallbesen auf sein Instrument. Die Perkussion mischt aufkommende Nervosität in die Akkorde. Schon wird die die Harmonik verlassen. Donnernde Interjektionen begleiten als Klanggewitter eine tödliche Verfolgung – zuerst auf ein altes Urwaldtier, dann auf einen jungen Einheimischen. Die Handlung spitzt sich zu und mündet in geballte Gegenwart. Aug' in Auge stehen sich Jäger und Opfer gegenüber. Und da schafft die vergängliche Kunst des Theaters den grossen, unvergesslichen Moment: Sein und Nichtsein fallen ineinander. Coincidentia oppositorum.

 

Während Gaea Schoeters' Text in Verfolgung, Tod und Vernichtung führt, antwortet die Bühne darauf mit Schöpfung. Das heisst: Sie macht, wie Gotthelf sagte, etwas aus nichts; macht Inwendiges auswendig; Verborgenes sichtbar; Gedankliches konkret. – So auch Bühnenbildner Olaf Altmann. Er verwandelt auf der Szene Statik in Dynamik, und das Minimum von Horizontale, Viereck, Fläche, Kreis und Loch führt hinüber in eine ganze reiche, bewegte Welt. Tag und Nacht, Wasser und Erde, Täler und Berge, Blumen und Bäume, Tiere und Menschen entstehen aus der Abstraktheit der stereometrischen Formen.

 

Und so, wie der Schöpfungsbericht sagt: "Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht", erwächst die ganze Vorstellung letzten Endes aus dem Mund dreier Schauspielerinnen. Sind June Ellis Mach und Susanne-Marie Wrage stimmlich und artikulatorisch eher schwach, erweist sich Patrycia Ziółkowska als Offenbarung. Auf eine Sprecherin wie sie hat man in Bern seit Jahren gewartet. Jetzt ist sie da. Und mit ihr hat der Schauspielchef die Latte in eine bisher unerreichte Höhe geschoben.

 

Die Bewegung, choreographiert von Emma Murray, vervollständigt das Gewebe von Musik, Licht, Raum und Sprache. Mit der sinnvollen Verflechtung der Elemente schafft es Roger Vontobels kluge Inszenierung, Gaea Schoeters' "Trophäe" so erfindungsreich in Bewegung zu setzen, dass der Erzählstrom die Seele mit traumartiger Intensität ergreift. Beim Erwachen blickt man auf eine ungewohnte, fremde, abstossende und faszinierende Welt zurück, wie sie dem Theater in seinen Ausnahmemomenten zu schaffen vergönnt ist:

 

Das Höchste leisten, und in der vorzüglichsten Gattung, drückt uns gleichsam einen Souveränitätscharakter auf, gebietet Bewunderung und gewinnt die Herzen.

(Balthasar Gracián.)

Verflechtung von Raum ... 

... und Klang.