Die Verhaftung. © Rob Lewis.

 

 

Jesus Christ Superstar. Andrew Lloyd Webber.

Rock-Oper.

Hans Christoph Bünger, Tomo Sugao, Tabatha McFadyen, Momme Hinrichs, Gisa Kuhn, Jonas Bühler. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 22. März 2026.

 

> Es gibt, wie der Volksmund sagt, nichts zu husten: Die Bühnen Bern können Musical. Alles, was es zum Erfolg braucht, wird von ihnen geliefert, und zwar, bitteschön, in erstklassiger Qualität. Bühnenbild und Beleuchtung machen schon die halbe Miete. Dann aber kommt das Casting. Jede Rolle ist, einmal mehr, deckend, nein: überzeugend besetzt. Am beeindruckendsten wirkt sich das Engagement aller Beteiligten aus. Sie sind zur Crew zusammengewachsen; sie ziehen am selben Strick. Und mit ihrem geballten Einsatz hieven sie eine an sich mittelmässige Rock-Oper zum Event hoch. So kann man sagen: In der Ensemble-Leistung liegt das Wunder. Kompliment. <

 

Der Mensch dachte sich sein eignes Gegenteil; da hatte er seinen Gott.

(Friedrich Hebbel, Tagebuch 1840.)

 

Kostümbildnerin Gisa Kuhn kleidet das Volk der Juden in fein abgestuftes Pastellgrau. Bei einzelnen Figuren erinnert der zeitlos-unauffällige Schnitt an die Fülle der orientalischen Tücher. Wohlumrissen ragen die Protagonisten heraus. Als erstes Judas (Allen Marchioni). Das blendende Weiss seines Kostüms verbindet den Verräter mit dem ebenso weiss gekleideten römischen Statthalter Pontius Pilatus (Til Ormeloh). Ihm gegenüber steht das Oberhaupt der Juden, der Hohepriester Kaiphas (György Antalffy). Das Mafia-Schwarz seines Anzugs passt zum Schwarz seines Basses, seines Borsalinos, seiner Entourage und seines Gemüts. König Herodes (Marc Clear), der dekadente Lüstling, Kindermörder von Bethlehem und inzestuöser Vater Salomes, erscheint im Glitzergold von Las Vegas.

 

Von den Herausgeputzten unterscheiden sich die menschlich liebende Maria Magdalena (Anastasia Troska) und Jesus (Tyce Green) durch die Schlichtheit ihrer Kostüme. Der Mann mit dem zerknautschten offenen Hemd und den abgerissenen Jeans macht nichts aus sich. Die anderen machen etwas aus ihm – durch ihre Zuschreibungen: Öffentliche Figur, Volksverführer, König der Juden, Heilsbringer, Messias, Gottessohn ... An der kollektiven Projektion (Freud nannte den Vorgang "Übertragung") exemplifiziert sich der Satz eines scharfsichtigen 24-Jährigen:

 

Die Welt will nicht Heil, sie will einen Heiland.

 

Diese Beobachtung schrieb Friedrich Hebbel, der spätere Dramatiker, 1837 ins Tagebuch.

 

Die sechzig Mitwirkenden auf der Bühne, zusammengesetzt aus Solisten, Chor und Extrachor (Leitung Zsolt Czetner) werden organisiert von Tomo Sugao. Gleich nach dem Engagement im Dezember 2022 als Hausregisseur und stellvertretender Operndirektor am Staatstheater Cottbus durch Intendant Stephan Märki stellte er bei seiner ersten Opernregie in Brandenburg ("Krol Roger" von Karol Szymanowski) unter Beweis, wie virtuos er figurenreiche Handlungen und verschachtelte Räumfolgen bewegen kann. In Bern steht ihm Tabatha McFadyen als Co-Regisseurin und Choreographin zur Seite. Zusammen motivieren die beiden die Beteiligten zu rückhaltlosem Einsatz.

 

Jonas Bühler stellt mit seiner klugen Beleuchtung die atmosphäredichte Bühne (auch Video) von Momme Hinrichs ins beste Licht. Das Berner Symphonieorchester (Leitung Hans Christoph Bünger) wird durch zwei Keyboard-Spieler, zwei Gitarristen und einen E-Bassisten ergänzt. Gleich fünf Mitwirkende zeichnen für die Abmischung der Töne und den Raumklang. Auf diese Weise hieven die Beteiligten durch geballten Einsatz eine an sich mittelmässige Rock-Oper zum Event hoch. Und so kann man sagen:

 

Eine gute Theatervorstellung macht auf mich ungefähr den Eindruck, als ob ich lebhaft träumte. Ich weiss: Es ist nicht wahr! Aber ich kann mich nicht losreissen.

(Hebbel: Tagebuch 1856.)

Noch unbeschwert: Jesus und Maria Magdalena. 

"Der Mensch dachte sich sein eignes Gegenteil; da hatte er seinen Gott." (Friedrich Hebbel.)

In Weiss Judas, in Gold rechts aussen Herodes.