(WILDE) Mann mit traurigen Augen. Händl Klaus.
Schauspiel.
Mélanie Huber, Lena Hiebel, Martin von Allmen. Theater Orchester Biel Solothurn.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. März 2026.
> Zeitreise. Mit seiner neuesten Produktion dreht Theater Orchester Biel Solothurn das Rad zurück in die wilden 1960er Jahre. Damals hatte das absurde Theater seine Hochblüte. Schräge Inhalte auf der Kippe zwischen Unsinn und Banalität, kombiniert mit bedrohlicher Verrätselung und obstinater Satzrepetition, kennzeichneten die Dramen von Samuel Beckett (Nobelpreis), Harold Pinter (Nobelpreis) und Eugène Ionesco (kein Nobelpreis). Vierzig Jahre später (2003) schrieb Händl Klaus (kein Nobelpreis) in diesem Stil sein Stück "(WILDE) Mann mit traurigen Augen". Nochmals 23 Jahre später kommt die Spätblüte jetzt am Jurasüdfuss auf die Bühne: Vier Mal in Biel, sieben Mal in Solothurn. Die Zeiten aber haben sich geändert. Liefen bei "Warten auf Godot" die Bieler noch in ganzen Gruppen türknallend aus der Vorstellung, bleiben sie heute im Saal sitzen und spenden freundlich Beifall. Das absurde Theater ist eben leider nicht einmal mehr halb so wild wie die Welt, in der wir leben. Durch diesen Umstand streift die Aufführung ungewollt an die Abgerücktheit des "l'art pour l'art". Fazit: Als Remake ist das Stück zwar interessant, doch fehlt ihm die Kraft der Avantgarde. <
Franz Kafkas Erzählung "Ein Landarzt" mündet in die Hoffnungslosigkeit: "Was tue ich hier in diesem endlosen Winter! ... Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen." Zu dieser Einsicht führt auch Händl Klaus' Theaterstück "(WILDE) Mann mit traurigen Augen".
Die Klimakatastrophe ist ausgebrochen. Ein Lungenarzt verpasst in der deutschen Provinz den Anschluss. Sein nächster Zug fährt erst am folgenden Tag. Die Hitze ist unerträglich. Zwei Brüder, Hanno und Emil Flick, nehmen sich des Gestrandeten an. Sie sind ortsansässig. Laden ihn zu sich nach Hause ein.
Die Familie wohnt im 14. Stock. In der Wohnung nebenan hat es gebrannt. Die beiden Nachbarskinder sind umgekommen. Auch Mama Flick, die zur Rettung herbeieilte. Seither hat es Vater Flick die Sprache verschlagen. Die Schwester, Hedy Flick, ist ebenfalls lädiert. In der furchtbaren Hitze kann sie dem jungen Arzt gegen den Durst nur Bügelwasser aus dem Plastikkanister anbieten. Denn im Haus gibt es seit einem Erdbeben kein Wasser und keinen Strom mehr.
Der Aufzug ist ausser Betrieb. In den 14. Stock kommt man jetzt über die Treppe. Nachts kann man kein Licht machen. Die Batterien der Taschenlampen sind erschöpft, und Kerzen gibt es nicht, wegen der Brandgefahr. So ist der junge Lungenarzt, von dem die Geschwister Flick sagen, er habe traurige Augen, unversehens in eine Beckettsche "Endspiel"-Situation geraten: "Es gibt keine Pralinen mehr. Du wirst nie wieder eine Praline bekommen."
Als der "(WILDE) Mann mit traurigen Augen" 2003 entstand, lebten die Menschen in der Illusion, das von Francis Fukuyama diagnostizierte "Ende der Geschichte" sei erreicht. Händl Klaus aber wies als Kassandra des 21. Jahrhunderts auf die Risse im Gemälde. Und heute hat die Wirklichkeit sein Theaterstück überholt. In der Ukraine leben seit einem halben Jahr Millionen ohne Wasser und Strom. Und seit einer Woche brennen auch im Iran, im Libanon und in den Hotels der Golfregion die Zimmer; die Aufzüge verkehren nicht.
Angesichts dieser Lage wirkt die liebevolle, saubere, gut geführte Inszenierung von Mélanie Huber aufs Mal unversehens putzig. Niedlich wie Kaninchen springen die Darsteller aus den Löchern des Bühnenbilds von Lena Hiebel. Martin von Allmens Musik, vom Ensemble einwandfrei dargeboten, ist angenehm kantabel und in keiner Weise dystopisch verrenkt.
Die Rollenporträts haben alle ihre Schattenseite. Das macht sie interessant. Der junge Lungenspezialist, der von einem Balkan-Einsatz für die Ärzte ohne Grenzen zu den Eltern zurückkehren will, die – er weiss es nicht – mittlerweile verstorben sind, wirkt in seiner Gutartigkeit beschränkt, und in seiner Beschränktheit gefährlich. Die Facetten seines kindlichen Gemüts zeichnet Fabian Müller präzis und überzeugend nach.
Die drei Geschwister Flick wirken neben ihm auf unterschiedliche Weise bedrohlich: Hanno (dargestellt von Fritz Fenne) begrapscht den Körper des jungen Arztes mit einer Mischung von Aggressivität und Verlangen. Emil (Gabriel Noah Maurer) erscheint als zerknautschtes und Hedy (Lina Hoppe) als verdrehtes Neurosenbündel. Die schräge Situation wird verstärkt, als der Musiker Martin von Allmen hinter seinem Schlagwerk hervortritt und in der Rolle des stummen, verwirrten Vaters über die Bühne geistert.
Die Aufführung ist ästhetisch beeindruckend. Mit ihrer Sorgfalt streift sie an die Klassizität des "l'art pour l'art". Doch die Kraft der Avantgarde erreicht sie nicht. Darin liegt das Los der Spätgeborenen.
Gewalt.
Zugriff.
Verführung.
