Ein Tabouret und zwei Fauteuils. © Sylvie Humbert.

 
 

 

L'Antichambre. Jean-Claude Brisville.

Schauspiel.

Tristan Le Doze. L'Alpha Théâtre im Théâtre des Gémeaux Parisiens, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.

 

> An diesem Samstagabend kommen jene dreissig Leute ins Theater, die noch wissen, wer der Autor war: Jean-Claude Brisville lebte von 1922 bis 2014. Er war der letzte Sekretär von Albert Camus. Er setzte sich in Frankreich für das Werk Ernst Jüngers ein. Er war eine Zeitlang Direktor des Verlagshauses Livre de poche. Er schrieb mehrere historische Dialogstücke, Drehbücher und Romane. Beim Warten auf die Vorstellung steht das angejahrte Publikum in Gruppen beisammen und erwähnt die Namen Josef Roth, Carl von Sternheim, D'Alembert und Hélvetius. Für dieses Bildungsbürgertum wird "L'Antichambre" zu einem Bukett der Bezüge. <

 

Die Inszenierung braucht nur zwei Fauteuils und ein Tabouret. Auf den beiden vornehmen Sitzgelegenheiten sitzen die Vornehmen: Madame du Deffand, die Dame des Hauses, und ihr langjähriger Freund, der Präsident des französischen Parlaments Charles-Jean-François Hénault. Das Tabouret wird von der Vorleserin benutzt, Julie de Lespinasse. Alle drei Personen sind historisch. Der Mann schrieb Gedichte. Die Frauen gingen in die Geschichte ein als Briefschreiberinnen (épistolières) und Gastgeberinnen von brillanten intellektuellen Zirkeln (salonnières).

 

Jean-Claude Brisville gibt den Geist der Zeit durch Form und Inhalt der Dialoge wieder. Die Konversation war rasch, flüssig, geistreich, brillant bis zur Zitatfähigkeit und hielt – wie heute der News Stream – über alles auf dem Laufenden. Mit der Zeit schält sich heraus, dass die alte Dame für die konventionelle Ordnung steht und die junge Frau für die freie Vernunft. Weil sich die Aufklärungsphilosophen bei ihr wohler fühlen, kommt es zum Schnitt. Die Intelligenz verlässt Madame du Deffand und zieht in den Salon von Julie de Lespinasse um.

 

Im Spiegel der Vergangenheit treten die Konfliktlinien der Gegenwart heraus. Wie im 18. Jahrhundert geht es auch heute um den Gegensatz von oben und unten, befehlen und gehorchen, glauben und zweifeln, kuschen und aufbegehren, um Demokratie versus Partei-, Mullah- und Führerdiktatur. Vor diesem Hintergrund wird das historische Dialogstück spannend.

 

Autor Jean-Claude Brisville hat die Personen gut gezeichnet, und Regisseur Tristan Le Doze führt sie so diskret durch die Handlung, dass die Perfektionsabweichungen im Spiel der Darsteller Céline Yvon (Madame du Deffand), Marguerite Mousset (Julie de Lespinasse) und Rémy Jouvin (Hénault) gleich ins Auge fallen. Die feinen Dinge vertragen kein Ungefähr.

Annäherung ... 

... und Trennung.