Im Schreiben daheim. © Christophe Raynaud de Lage.

 
 

 

Le Projet Barthes. Sylvain Maurice.

Schauspiel.

Sylvain Maurice. La Compagnie [titre provisoire] im Théâtre L'Echangeur, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.

 

> Der Schauspieler Vincent Dissez tritt vors Publikum, und schon ist der andere da: der Mythos Roland Barthes, seines Zeichens Philosoph, Literaturwissenschafter, Semiotiker, Strukturalist und Poststrukturalist, Literaturkritiker, Schriftsteller, Professor an den Elitehochschulen Collège de France und Ecole des hautes études en sciences sociales. Doch der Gelehrte mit dem ehrfurchtgebietenden Status hat nichts Ehrfurchtgebietendes an sich. Charmant und zugänglich entwickelt er vor dem Theaterpublikum, das die Stelle seiner Pariser Hörer im Wintersemester 1979/80 einnimmt, was das Schreiben ausmacht. Für die Genossen der Zunft werden die Ausführungen zu einem Fest des Geistes und für die Denkfreudigen zu einem hinreissenden Trip. <

 

Die Aufführung, nein: die Vorlesung beginnt ganz beiläufig, sozusagen von unten her. Mit bescheidener Stimme übermittelt der Professor die Bitte einer rumänischen Hörerin. Sie musste früher abreisen und wäre dankbar, wenn ihr jemand seine Vorlesungsmitschrift zur Verfügung stellen würde. Mit diesem Einstieg stellt sich ein Hochschulalltag ein, an dem der Lehrer Solidarität und Gleichrangigkeit vorlebt. Als Mensch aber exponiert er sich durch das Projekt: "La préparation du roman". Barthes verwendet die Gedanken, die in ihm bei der Anfertigung eines Textes aufkommen, als Objekt der wissenschaftlichen Recherche.

 

Besondere Sorgfalt verlangt die Frage: Wie kommt man ins Schreiben hinein? Ab wann ist man drin? Wie bleibt man im Fluss? Welche Methoden haben die Vorbilder Proust, Flaubert, Mallarmé angewandt? Wie schützten sie den verletzlichen Akt des Schreibens? Durch Isolation? Durch eine strenge Tagesstruktur? Durch News-Askese? Durch Flucht in eine Krankheit, an der die Forderungen des sogenannten normalen Lebens abprallen mussten? Und schliesslich: Wie beginnt sich ein Roman zusammenzufügen? (Comment la mayonnaise prend-elle?)

 

Der Professor schenkt sich ein Glas Wasser ein. Während er es zu den Lippen führt, drängt sich ein ergänzender Gedanke auf. Roland Barthes hält mit der Bewegung inne und setzt die Ausführungen fort. Dann nimmt er das Glas wieder zur Hand. Doch erneut hält ihn ein Einfall vom Trinken ab. – Das passiert beim Schreiben und Denken oft. Körper und Geist gehen ihre eigenen Wege. Die Beine bewegen sich in der Natur, der Geist im Geist. Der Käfig der Immanenz aber, den die meisten nie verlassen, ist aufgebrochen, und das Jenseitige fliesst in die Seele ein.

 

Sylvain Maurice inszeniert den Monolog so zart, dass auf der Bühne nur Roland Barthes wahrzunehmen ist, nicht aber Vincent Dissez. Dabei sind Regisseur und Schauspieler dem Gelehrten im Leben nie begegnet, dafür waren sie zu jung. So realisieren sie auf vorbildliche Weise die Kraft des Theaters: Glauben machen, dass etwas anderes da ist als das, was man sieht. Wenn der Zauber gelingt, ereignet sich auf der Bühne dasselbe wie beim Lesen, wo sich die toten Buchstaben in lebendige Wirklichkeit verwandeln. Indem sie der Betrachter aufnimmt, verlässt er die Banalität des Alltags. Von diesem Umschlag können die Empfänglichen nie genug bekommen.

Im Reich der Literatur.