Iphigénie. Jean Racine.
Tragödie.
Clément Séclin. Compagnie la Fille de l'Eau im Théâtre de l' Epée de Bois, Paris.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.
> Am 18. August 1674 feierte Ludwig XIV. in Versailles die Rückeroberung der Franche-Comté. An diesem "Divertissement" brachte Hofdichter Jean Racine seine "Iphigénie" zur Uraufführung. Seither ist die Tragödie ein Klassiker. Sie wird an den Schulen gelesen, und sie dient als Prüfungsstück für die Aufnahme in die Schauspielabteilung des Conservatoire. – Wie die 2 Achtsilber und die 1764 Alexandriner zu klingen haben, können die Pariser jetzt im Théâtre de l' Epée de Bois erfahren. Sie vernehmen dort die Melodie mit hundertprozentiger Perfektion, verstehen aber nur zu vierzig Prozent die Worte. Schuld ist die notorische S-Schwäche des weiblichen Personals. Sie ergibt sich durch den Retentionsdraht im Gaumen, der die Zahnstellung fixiert. Die kieferorthopädische Massnahme erklärt, warum die älteren Schauspielerinnen heute besser sprechen als die jungen. <
Die Inszenierung ist, wie es sich für einen Klassiker gebührt, vorbildlich. Die Bedeutung von "klassisch" ist ja: "bewährt; musterhaft; unübertrefflich in seiner Art": "Der klassische Bösendorfer; die klassische Schwarzwäldertorte; die klassische Hüftoperation". Im steinernen Saal des Théâtre de l' Epée de Bois braucht Regisseur und Bühnenbildner Clément Séclin bloss die Spielfläche mit rostrotem Sand zu bedecken und sie von links, rechts und von vorn mit Scheinwerfern zu bestreichen, damit das Gebäude mit seiner 160-jährigen Ausstrahlung die Handlung unterstützt.
Die Dramenfiguren werden sensibel durch den Raum geführt und zu klassischen Konstellationen vereinigt. Die Schauspieler bewegen sich vor rohen, unbehauenen Quadersteinen; sie stehen hinter gewölbten Durchlässen und belauschen die Monologe der Hauptfiguren; beim Auftritt durch den Saal beziehen sie das Publikum in die Handlung ein, das damit – wie der antike Chor – die Funktion eines Zeugen annimmt.
In seiner Amtszeit als Direktor und Regisseur des Weimarer Hoftheaters liess Johann Wolfgang von Goethe auf dem Bühnenboden ein Schachbrettmuster anbringen. Es sollte den Schauspielern helfen, den passenden Ort zu finden. Mit dieser Massnahme wollte der geheimrätliche Intendant die Produktionen seines Hauses vom en vogue stehenden Naturalismus wegbringen in bildnerische Aufstellungen, welche durch Schönheit das Allgemeine im Besonderen erscheinen lassen sollten.
Nach diesem Muster entstehen jetzt in Paris spannende Diagonalen. Ein Teil des Personals spricht, der andere steht im Raum verteilt stumm dabei – als Angesprochener, als Mitbeteiligter, als Unterworfener, als Beobachter, als Lauscher. Gebärdenspiel und Sprachmelodie entsprechen der französischen Tradition. Viele Verse sind allgemeines Bildungsgut:
Ne laisser aucun nom, et mourir tout entier ?
(Keinen Namen hinterlassen und ganz sterben?)
Les Dieux sont de nos jours les maîtres souverains.
Mais, Seigneur, notre gloire est dans nos propres mains.
(Die Götter sind in unseren Tagen die höchsten Herren.
Doch, mein Gebieter, unser Ruhm liegt in unseren eigenen Händen.)
Songez, quoi qu'il ait fait, songez qu'il est mon père.
(Bedenkt, was immer er getan hat – bedenkt, dass er mein Vater ist.)
Lui, votre père ? Après son horrible dessein,
Je ne le connais plus que pour votre assassin.
(Er, euer Vater? Nach diesem schrecklichen Vorhaben
Kenne ich ihn nur noch als euren Mörder.)
Als Agamemnon ist Jean-Philippe Renaud vortrefflich. Neben dem richtigen Alter und der richtigen Statur bringt er auch, wie man zur Goethe-Zeit gesagt hätte, ein tiefes, wohltönendes, grosses Organ. Mit diesen Eigenschaften entspricht er perfekt dem Rollenfach des "schweren Helden". In der Deutlichkeit der Aussprache, der Rhythmisierung der Verse und der Gestaltung der Sprachmelodie steht er auf einer Stufe mit den grossen Mimen des alten Burgtheaters Werner Krauss, Attila Hörbiger und Heinrich Schweiger.
Sehr gut ebenfalls Baudouin Sama als Achill. Auch er meistert Aussprache und Verse tadellos. Mit dem Feuer, das ihn – der "Ilias" zufolge – als zorniger Krieger charakterisiert, verwirklicht er das Rollenfach des "ersten Liebhabers und Helden" mit voller Überzeugungskraft. Bei ihm wie bei Agamemnon ist – dank tadelloser Beherrschung der Konsonanten – jede Silbe verständlich.
Anders stehen die Dinge bei den Frauen. Als Dienerin und Amme ist die ältere Darstellerin mit dem Bühnennamen GHL in Ordnung, doch Iphigenie, Klytämnestra und Eriphile erfüllen nicht das Erfordernis einer glasklaren Aussprache. Zwar stimmen auch bei ihnen – Zeichen guter Regiearbeit – Haltung, Gebärde, Ausdruck, Versgestaltung und Sprachmelodie, doch ist ihre Rede nur teilweise verständlich (bei den jüngeren Darstellerinnen und Darstellern auch aus Mangel an einem sogenannten tragenden Organ).
Bei Racine kommt die Handlung ausschliesslich durch die Sprache auf die Bühne. Sein Theater braucht deshalb keine Requisiten, keine Kostüme, keine Bildwechsel. Ist aber der Text zu mehr als der Hälfte unverständlich, geht mehr als die Hälfte der Aufführung ins Leere. Namentlich wenn sie darauf verzichtet, durch Mätzchen abzulenken. So werden die Klassiker im Theater wie in der Musik zu einer strengen Prüfung für die Qualität des handwerklichen Könnens.
Iphigenie, die jugendliche Heldin ...
... mit Klytämnestra, der Heldenmutter.
