Nuit sans aube (Das kalte Herz). Matthias Pintscher.
Oper.
Matthias Pintscher, James Darrah Black, Adam Rigg, Yi Zhao, Hana Kim. Opéra-Comique, Paris.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.
> Der deutsche Originaltitel – "Das kalte Herz" – klingt gut und vielversprechend. Die französische Version aber kündigt Langeweile an: "Nacht ohne Morgendämmerung" (Nutt sans aube). Mit dieser Aussichtslosigkeit hat das Werk keine Lebenschance; und schuld ist das Libretto. Der Komponist indes kann sich trösten. Mit dem "kalten Herzen" geht es Matthias Pintscher nicht schlechter als Franz Schubert mit seiner "Rosamunde". Oper ist eben ein Gesamtkunstwerk. Wenn eine Säule morsch ist, trägt das Ganze nicht. <
Die Aufführung in der Opéra-Comique bringt erlesenen Hörgenuss. Für die "création française" des Auftragswerks, das die Berliner Staatsoper Unter den Linden zusammen mit der Komischen Oper Paris veranlasst hat, steht Komponist Matthias Pintscher selbst am Pult. Das Orchestre philharmonique de Radio France realisiert die Partitur mit Brio, Akkuratesse und Souveränität. Es beglückt durch das fein austarierte Zusammenspiel der Register, die Präzision des Schlagwerks, die Reinheit der Blasinstrumente und die kammermusikalische Durchhörbarkeit des Ganzen. Dazu ist es – im Unterschied zu den Provinzorchestern – nie zu laut, nie zu pauschal. Auf diese Weise bringt die Aufführung erlesenen Hörgenuss und reine Wonne.
Auf gleicher Höhe bewegen sich die Gesangssolisten. Stimmlich und darstellerisch "sans faille" imponieren sie durch die Schönheit ihrer Timbres und die Deutlichkeit der französischen Aussprache. Dabei stammen der Hauptrollenträger, Bassbariton Evan Hughes, aus Kalifornien, und die Mezzosopranistin Katarina Bradić aus Serbien. Die vier weiteren Rollen sind mit Französinnen besetzt.
"Das kalte Herz", ein Meisterwerk des Märchendichters Wilhelm Hauff, führt in den Wald, wo er am romantischsten ist, das heisst in den Schwarzwald. In seiner Mitte leben die Köhler bei abgelegenen Meilern, und aus diesen bescheidenen Verhältnissen kommt auch Peter Munk, der unter dem Spottnamen "Kohlenpeter" leidet. Die Gier nach Ansehen bringt ihn dazu, dem Holländer-Michel sein lebendiges Herz zu verkaufen. Er bekommt dafür viele Taler in den Beutel und einen Stein in die Brust.
Erst durch Leiden geht ihm auf, dass er beim Tausch der "dumme Peter" blieb und dass ein pochendes Herz das Wertvollste ist, das ein Mensch in sich trägt. Jetzt kann ihm nur noch das Glasmännlein helfen:
Schatzhauser im grünen Tannenwald,
bist schon viel hundert Jahre alt.
Dir gehört all Land, wo Tannen stehn –
lässt dich nur Sonntagskindern sehn.
Im dunklen deutschen Wald mithin ist das Original verortet, und die Handlung spielt vor der Erfindung der Eisenbahn im frühen 19. Jahrhundert. Doch Matthias Pintschers Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg verpflanzt die Oper in die Phantasieantike der Wiener Vorstadtbühnen, wo die Feen Amarosa und Lacrimosa hiessen, die Priester Sarastro und Hotzlipochtli, die Götter Isis und Osiris. Nun kommen in Paris und Berlin unter Yi Zhaos Geisterbahnbeleuchtung Azaël und Anubis auf die Bretter, umgeben von einem kauernden, fletschenden und kriechenden Statistenheer im Lendenschurz (Regie James Darrah Black).
Bühnenbild (Adam Rigg) und Video (Hana Kim) zeichnen die Waldkulisse im weichgespülten Stil der Nazarener. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand diese Ästhetik Auferstehung auf den Biskuitschachteln – und jetzt in der Koproduktion der Opernhäuser von Berlin und Paris.
Vollends fad aber wird die Sache durch die dramaturgische Konstruktion. Anstatt – wie Hauff – eine spannende Geschichte zu erzählen, zerlegt das Libretto die Handlung in eine lahme Bilderfolge. Ihre zwölf "Tableaux" erlauben es zwar, die Darsteller wie beim Liedgesang solistisch aufzustellen, doch gerät "Das kalte Herz" durch diese Umgestaltung in die Statik der vorgestrigen Nummernoper. Und da versetzen Azaël und Anubis dem Ganzen den Tod.
Schatz, schenk mir dein Herz!
Das Statistenheer ist im Lendenschurz.
Sonst trägt man im Schwarzwald Pelz.
