Kombination von Schauspiel und Film. © Isabelle Jouvante.

 
 

 

Scènes d'intérieur. Mélanie Lerai.

Kombination vom Schauspiel und Film.

Mélanie Lerai. Compagnie 2052 im Théâtre du Rond-Point, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.

 

> Erst ein Femizid setzt der nichtendenwollenden Aufführung ein Ende. Vorher schleppt sie sich mühsam von Szene zu Szene. Dumpfes Schweigen, erstarrte Beziehungslosigkeit und schweres Pathos malen das Elend von Paaren in, nun ja, toxischen Beziehungen. Nach der ersten Spielminute steigt das Wort "Kitsch" am Horizont auf, und von da an schwebt es wie ein Fluch über der nichtendenwollenden Produktion. <

 

In der Eigenschaft als Stückeschreiberin und Regisseurin macht Mélanie Lerai alles, um das Publikum durch Materialaufwand in die Knie zu zwingen. Als erstes schickt sie das Rauschen von Meeresbrandung in den abgedunkelten Zuschauerraum. Dann lässt sie windbewegtes nächtliches Wasser auf die obere Portalhälfte einblenden. Die Schwarzweiss-Aufnahme zeigt Lichter am gegenüberliegenden Ufer. Dann erscheint ein Fenster. Dahinter, in Farbe, ein schlafendes weibliches Gesicht mit erstarrter Träne unterm linken Auge. Die Frau hat den Arm schützend über kleine Kinder gelegt. Nach einem Schnitt sitzt die Familie am Frühstückstisch, und ein Kind fragt: "Wo ist Papa?"

 

Nun kommt die untere Bühnenhälfte ins Spiel. Sie führt ins Schlaf-, das Bad- und das Livingzimmer eines Luxushotels. Hier ist – dreidimensional – ein Glamourpaar mit Kind abgestiegen. Er arbeitet als Spitzenmanager, sie als Spitzenschauspielerin. Zwei Livekameras übertragen Fragmente dieser "scène d'intérieur" auf die Leinwand. Eine lebensgrosse Puppe auf der Bühne, durch eine schwarzkostümierte Spielerin bewegt, tritt neben die herzigen Kinder auf der Leinwand.

 

Die Kompliziertheit des Knotens steigert sich durch den Umstand, dass die Klassiker "Aschenputtel" und "Rotkäppchen" von Charles Perrault sowie "Nora" von Henrik Ibsen in die Handlung verwoben werden. Auf einer Ebene werden Kindern die Märchen erzählt. Auf der anderen Ebene wird die Heldin des norwegischen Emanzipationsdramas sowohl von der ältesten Tochter der einfachen Familie wie von der Ehefrau des Glamourpaars verkörpert. Das Mädchen probt für die Schule, die Schauspielerin fürs Theater. In beiden Fällen wirkt die Literatur aufs Leben zurück, und am Ende spiegelt sich alles in allem.

 

Da sich die Aufführung wie die meisten Filme durch Zwischen- und Gegenschnitte auf assoziatives, stummes Zeigen beschränkt, ist die personen- und anspielungsreiche Konstruktion ebenso schwer zu verstehen wie jede Gleichung mit x Unbekannten. Erst das doppelt unterstrichene Resultat ist klar: Solange das patriarchale System herrscht, ist das Frauenleben ein Unglück. Kein Heil ausserhalb des Feminismus. Extra ecclesiam nulla salus. Quod erat demonstrandum.

Auf Bühne und Leinwand.