Le Nozze di Figaro. Wolfgang Amadeus Mozart.
Dramma giocoso.
Clément Lonca, Marco Storman. Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Januar 2026.
> Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert stand Bern im Ruf, das wohlwollendste, applausfreudigste, sängertreueste Opernpublikum zu haben. Nun hat es sich wieder zusammengefunden. Es verlangt nicht, eine Inszenierung verstehen zu können. Es ist zufrieden, wenn es vom sogenannten Regietheater verschont wird. Schwer nachvollziehbares Gewusel auf der Bühne nimmt es mit gutmütiger Indifferenz hin. Oper ist halt so, sagt es. Hauptsache, dass es in seinen Sehgewohnheiten nicht gestört wird. Auf Grund dieser Einstellung klatscht es bei "Le Nozze di Figaro" eine unterdurchschnittliche Aufführung zum Ereignis hoch. Aber bitte: Wem soll eine Produktion gefallen? Der zahlenden Mehrheit oder dem einsamen Rezensenten? Darum, du alte, lästige, besserwisserische "Stimme der Kritik": Klappe zu! <
Im Jahr 1969 wurde das Regietheater erfunden. Peter Stein in Bremen (Tasso) und Hans Hollmann in Basel (Titus, Titus) waren die Väter. Der neue Ansatz vervierfachte die Inzenierungsmöglichkeiten.
Bei der herkömmlichen Weise (sie fungiert unter dem irreführenden Namen "Werktreue") kommt die Vorlage so auf die Bühne, wie es der Text vorschreibt (Ansatz 0). Daneben hat das Regietheater vier weitere Zugänge geschaffen:
(1) Das Werk wird zeitlich und örtlich verschoben; häufig aktualisiert: Hamlet im Frack, Fidelio im KZ, Rusalka im Irrenhaus.
(2) Die Handlung ereignet sich im Kopf einer Figur, meistens der Hauptperson: Der fliegende Holländer als Phantasiegebilde der gelähmten Senta; La Cenerentola als Wunschtraum der kleinen Angelina; La Bohème als Retrospektive des greisen Marcello.
(3) Die Bühne begleitet das Geschehen - wie Wagners Partituren - mit einem Assoziations- und Kommentarstrom: "Der Freischütz" von Ruth Berghaus in Zürich; "Pelléas" von Achim Freyer in Linz; "Mondlicht" von Johannes Lepper in Bern.
(4) Die Inszenierung kritisiert das Werk, etwa wegen seiner faschistischen oder inhumanen Tendenz: "Jud Süss" von Hansjörg Utzerath in Nürnberg; "Die lustige Witwe" von Olivier Tambosi in Biel/Solothurn; "Idomeneo" von Peter Sellars in Salzburg.
Für die aktuelle "Figaro"-Inszenierung realisiert Bern die Möglichkeit 0. Wenn aber Giorgio Strehler in Paris und Jean-Claude Auvray in Basel die Werktreue zu solcher Vollendung steigerten, dass sich die Luft der Epoche auf der Bühne ausbreitete und das Publikum nach der Vorstellung benommen in seine banale Gegenwart zurücktaumelte, erscheint nun das Werk am Stadttheater Bern in Form jener gemässigten Abstraktion, die unter dem Begriff "Neu-Bayreuth" in die Operngeschichte eingetreten ist. Alles, was das Werk verlangt, wird zwar gegeben, aber gedämpft, nur angedeutet. Die Regie begnügt sich mit Hinweisen. Das Werk ist ja bekannt; und das Publikum malt sich den Rest aus.
Im Gewand der "gemässigten Moderne" wird die Produktion über weite Strecken semi-konzertant. Das szenische Detail ist nicht streng motiviert. Nettes Ungefähr genügt. Demzufolge wird in Bern jetzt viel geschlenkert, gestanden und gesungen, ohne dass Blicke, Hände, Gänge und Haltungen viel zu erzählen hätten. Aus der Handlung liesse sich 27,9 mal mehr herausholen. Strehler und Auvray haben's gezeigt. Und auch Deborah Epstein, drüben in Biel/Solothurn, erst vor zwei Jahren.
Was die flaue Inszenierung von Marco Storman im einzelnen noch bietet, hätte der gefürchtete "Bund"-Kritiker Martin Etter (-tt-) seinerzeit als "Mätzchen" abgetan: Die gelegentlichen Nebel- oder Rauchschwaden in den Räumen des Schlosses (Durchzug oder verstopfter Kamin?); die geblähten Bäuche der Choristinnen (Denunziation des Grafen als Samenschleuder); das Räuchlein, das während der Bartolo-Arie aus Christian Valles Kostüm aufsteigt (mit hilfloser Hustennummer); die Plazierung des Ensembles unter Gefuchtel und Gesang fürs Finale an den Rändern des Zuschauerraums. Solcherlei nannte Wagner "Effekt": "Wirkung ohne Ursache".
Die Solisten sind ganz anständig, aber selten gut. In früheren Produktionen boten sie mehr. Und das Berner Symphonieorchester bleibt krass unter seinem Niveau: Die Einsätze sind unpräzis. Die schnellen Läufe verschmiert. Die Instrumentalsoli unbeseelt. Der Registerausgleich mangelhaft. Das Zusammenspiel Bühne-Orchestergraben ungenügend.
Zu ihrer Zeit in Bern zeigten die Chefdirigenten Peter Maag und Kevin John Edusei bei "Figaro" eine Konzeption. Clément Lonca bleibt sie schuldig und schlägt sich lediglich durch die Noten. Damit bleibt die aktuelle Produktion ein rechtes Stück hinter dem zurück, was im altehrwürdigen Stadttheater bisher zu erleben war.
Publikumsfreundliche ...
... gemässigte ...
... Moderne.
