Lapidarium. Rainald Goetz.
Schauspiel.
Elsa-Sophie Jach, Aleksandra Pavlović, Johanna Stenzel, Lena Geue, Jonas Alsleben. Residenztheater München.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 26. Januar 2026.
> Elsa-Sophie Jach hat die Uraufführung von Rainald Goetz' Textsammlung als Winterreise inszeniert. Es geht um Vergänglichkeit, Sterben und Tod. Die Haupttonart ist Moll. Schräg scheint das Licht auf die Landschaft. Die Nacht bricht an. Beim Untergehen leuchten viele, viele Namen noch einmal auf. Doch wozu? "Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Haschen nach dem Wind." (Prediger 1, 14) <
Die Aufführung ist von Anfang an packend. Das Bühnenbild von Aleksandra Pavlović – eine raffinierte Staffelung von Atmosphären, Farben und Zeichen, die in die Tiefe führen – weckt traumartige Aufnahmebereitschaft. In sie hinein prasseln die Meteore von Rainald Goetz' Ausführungen, Dialogen, Fragen und Feststellungen. Es geht um das Sich-Entziehen und um das Sich-Behaupten. Es geht um den Tod, den man sucht, um den Tod, der kommt, und um den Tod, den man herbeiführt. Das Ganze formuliert mit der Ambivalenz des Worts, welches einerseits das Leben feiert, andererseits das Lebendige versteinert.
Trefflich erklärt KI den Titel:
Ein Lapidarium (von lateinisch "lapis" [Stein]) ist eine Sammlung von Steindenkmälern, Skulpturen, Grabsteinen oder architektonischen Fragmenten. Diese Stücke, oft aus Ausgrabungen oder historischen Gebäuden stammend, werden dort aus konservatorischen Gründen geschützt, restauriert und ausgestellt, um ihre Verwitterung zu verhindern.
Die "Ausgrabungen", mit denen der Münchner Schriftsteller Rainald Goetz die "Verwitterung zu verhindern" sucht, formulieren das Memento Mori in seiner ganzen Schärfe: Einerseits bringt "Lapidarium" das Gedenken, das Mahnmal (memento), andererseits die Vergänglichkeit, das Sterbenmüssen (mori).
Wie bei Schuberts "Winterreise" führt die Aufführung vom toten, fixierten Text in die lebendige Darstellung. Sie verschiebt das individuelle Sterben, von dem die verschiedenen, meist vergessenen Namen zeugen, in die Wiederholbarkeit des Theaters. Dessen Spiel veranschaulicht das Rätsel des Todes, bereichert es mit neuen Sinnaspekten und intensiviert seine Wirkungen.
Regisseurin Elsa-Sophie Jach kombiniert Text und Bühne zu einem faszinierenden Geflecht: Da sind die Tubaspielerinnen Barbara Kolb und Bernadette Wolf, deren Töne in die Komposition von Lena Geue münden. Da ist das Video von Jonas Alsleben, das die Rede von einem geplanten Filmprojekt zur Anschauung bringt. Da sind die Kostüme von Johanna Stenzel, deren letztes – ein Leichenhemd – im Regen zerfliesst, bis am Ende der nackte Körper des Schauspielers Vincent zur Linden auf der Bühne steht. Er zeigt den Weg allen Fleisches.
Und da ist das herrlich ausgeglichene Ensemble, welches mit Eleganz und Präzision zwischen chorischen und monologischen Stellen wechselt. Seine souveräne Gelassenheit schafft das Wunder, dem "Lapidarium" den Charakter der Einmaligkeit zu geben – eine Aufgabe, die uns gestellt ist bis zum Schluss.
Eine Staffelung ...
... von Gefühlen ...
... und Zeichen.
