Verkehrsanbahnung. © Marcella Ruiz Cruz.

 
 

 

Pioniere in Ingolstadt. Marieluise Fleisser.

Schauspiel.

Lucia Bihler, Jessica Rockstroh, Laura Kirst, Fabian Kalker, Anton Burgstaller. Volkstheater München.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Januar 2026.

 

> "Lapidar" nennt man eine Ausdrucksweise, die den Stil der römischen Denkmäler übernimmt. Vor zweitausend Jahren meisselte das antike Herrschervolk seine Aussagen möglichst bündig in den karg bemessenen Stein. Wenn's ging, mit Abkürzungen: R.I.P., S.P.Q.R. Der lapidare Stil prägt auch die Befehlssprache: Feuer! Ruhn! Platz! Sitz! Und er prägt die Sprache des einfachen Volks: Geht's? Prost! Mahlzeit! – Marieluise Fleissers Schauspiel aus den späten 1920er Jahren bringt die beiden Sphären auf der Bühne zusammen: Soldaten und Mädels. Bei diesen Menschen geht es nicht nur in der Sprache lapidar zu. Zur Wiedergabe ihres Verkehrs benützt das Münchner Volkstheater die schneidige Ästhetik des Nationalsozialismus. Ein Treffer. <

 

Pesche, der bekannte Emmentaler Maler, braucht in seinen Bildern keine verfliessenden Linien und keine Zwischentöne. Ungemischt kommen die Farben aus der Acryltube. Denn der Künstler verfährt nach dem Grundsatz: "Natürliche Formen in reinen Farben."

 

Die gleiche Devise prägt auch das Geschehen bei den "Pionieren in Ingolstadt". Die Angehörigen der Pioniertruppe suchen "natürlich" das eine. Und die Mädels glauben "natürlich" an das andere, das heisst: die Liebe. Am Münchner Volkstheater bringen Jessica Rockstroh (Bühne), Laura Kirst (Kostüme) und Anton Burgstaller (Beleuchtung) die Verhältnisse "in reinen Farben" zur Anschauung.

 

Lapidar plaziert Regisseurin Lucia Bihler die zweidimensionalen Menschen in den Raum. Es gibt keine Zwischentöne, keine verfliessenden Konturen, sondern nur Eindeutigkeit. Die Figuren sind ausgestanzt zu Silhouetten, ihre Bewegungen aufs Minimum reduziert.

 

Der kantigen Körperlichkeit der Soldaten antworten die Mädels mit leichtem Neigen des Kopfs, kokettem Vorschieben des Schuhs und sanftem Zupfen am Kleid. Dazwischen ist viel Raum, viel Spannung, viel Stille (komponiert von Fabian Kalker).

 

Aussergewöhnlich ist die Präzision, mit der das alles abläuft.

 

Die Pioniere werden aufgestellt wie Zinnsoldaten, die Mädels wie Porzellanfiguren. Durch Erstarrung in charakteristischen Posen sind sie der Betrachtung freigegeben.

 

Um die harten Konturen von Pesches Bildern zu gewinnen, rückt die Handlung in Kurzszenen vor. Oft genügen zwei Dialogzeilen. Oder eine stumme Aufstellung. Dann Schnitt, Schwärze, nächstes Take. Kein Gleiten, kein Fliessen.

 

Die kalt fragmentierte, mechanische Welt der Zwischenkriegszeit ohne Ausdruck des Organischen entspricht Marieluise Fleissers Stil der neuen Sachlichkeit.

 

Damit finden Vorlage und Ausdruck zu vollkommener Übereinstimmung. Ein kostbares Stück Theater. Hingehn.

Die Mädels wie Porzellanfiguren. 

Die Burschen wie Zinnsoldaten.

Und sie wollen nur das eine.