Die beiden jungen Schönen, füreinander gemacht. © Joel Schweizer.

 

 

Im weissen Rössl. Ralph Benatzky.

Operette.

Francis Benichu, Olivier Tambosi, Anna-Sophie Lienbacher. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Dezember 2025.

 

> Nach der Pause transportiert – tuut, tuut! – das Dampfschiff den Kaiser über den Wolfgangsee in das Gasthaus "Zum Weissen Rössl". Konstantin Nazlamov, der Meister der kleinen Rollen, stellt ihn klar wie ausgestanzt ins Scheinwerferlicht. Wenig machen und stark wirken: Das ist das Inszenierungskonzept von Olivier Tambosi. Ihm zufolge ruht die riesige Revueoperette auf den Schultern der wenigen Solisten. Sie machen's alle ordentlich, und die Besten machen's gut. Der Kaiser aber schreibt der Rössl-Wirtin ins Stammbuch: "Man muss hübsch bescheiden sein." Mit dieser Auffassung bedankt sich in Solothurn das angejahrte Publikum der Sonntagnachmittagsvorstellung mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus. <

 

Der aus Bulgarien stammende Konstantin Nazlamov, der in der Ära Wyrsch (2007 bis 2013) bei Theater Orchester Biel Solothurn als Operntenor auftrat, versieht nun in der Ära Kaegi (2013 bis heute) präzis und zuverlässig die Chargenrollen – und zuweilen auch den Theaterfotografen. Über die Festtage verkörpert er "Im Weissen Rössl" jetzt gleich zwei Extreme: die älteste und die jüngste Rolle, das heisst den greisen Habsburgerkaiser Franz Josef einerseits, den Kellnerlehrling Gustl anderseits. Beide Figuren nimmt man ihm ab.

 

Damit sind wir im Kern des Theaters. In der "korrekten Sprache" heisst das: Wir "lesen" einen weisshaarigen Mann, der sich mal als bartloser Jüngling, mal als glatzköpfiger Alter "definiert". Infolgedessen gilt nicht, was wir sehen, sondern die Rolle, mit der sich der Mensch identifiziert und unter der er auftritt. Shakespeare:

 

Die ganze Welt ist Bühne

Und alle Männer und Frauen

Bloss Schauspieler.

 

Diese Tatsache führt nun Regisseur Olivier Tambosi dazu, die Figuren von Ottilie, Klärchen und Dr. Siedler in die Genderfluidität zu treiben. In der Stadt des ESC-Gewinners Nemo stakst Adrian Burri auf hohen Absätzen mit entzückendem Lächeln und wiegenden Hüften über die Bühne. Er behauptet, er sei der Sohn eines Berliner Unternehmers und verstehe sich im Moment als dessen Tochter. In der männlichen Identität hört er auf den Namen Otto, in der weiblichen auf Ottilie. Am besten ist es, ihn Otti zu nennen. Diese Rufform passt in jedem Fall.

 

Auf der andern Seite verschmilzt die Figur von Klärchen mit Professor Hinzelmann. Nora von Bergen, die sich unterschiedslos auf Französisch und Deutsch ausdrückt, erklärt in ihrer Doppelrolle dem Personal auf der Bühne und dem Publikum im Saal, wie unwichtig Bezeichnungen seien. Ausschlaggebend sei allein, zu wem einen die Liebe treibe. Der Rollenträger des reifen Dr. Siedler, Alexander Kalmbacher, schliesst sich dieser Sichtweise an. Er wendet den Blick von der reschen Rössl-Wirtin weg auf die beiden jungen Schönen, und am Ende, wo sich alle gefunden haben, die von Regie und Libretto füreinander gemacht wurden, deklariert das vermischte Ménage à trois: "Wir lieben uns!"

 

Kern der Handlung bildet indes die heterosexuelle Zankbeziehung der verwitweten Wirtin mit dem ledigen Oberkellner. Er ist für sie in Liebe entbrannt, sie jedoch weist seine Werbung aus Geschäftsgrundsätzen ab. Dem Dénouement kommt zuhilfe, dass der Stammgast Dr. Siedler nach dem Auftauchen der beiden jungen Schönen kein Auge mehr für die heimlich Schmachtende hat. Da kann Christiane Bösiger (und sie kann's!) noch so betörend jodeln, singen und Blumen ins Zimmer schicken. Anderseits hat das Publikum längst wahrgenommen, dass Regie und Libretto den feschen Leopold, dargestellt von Christian Manuel Oliveira, für die Wirtin auserwählt haben. Sie passen vom Alter, vom Charakter und von der Berufserfahrung her perfekt zusammen. Und auch darstellerisch und gesanglich stehen sie einander nicht nach: Hauptrollenträger beide, und zum Schluss noch ein gleichwertiges Geschäfts- und Ehepaar.

 

Und gleichwohl bleibt bei der Aufführung des "Weissen Rössls" ein spürbares Manko. Ja, seufzt der resignierte Kaiser, "wenn man alles haben könnt' ", und er fährt fort:

 

Man muss hübsch bescheiden sein.

Schweige und begnüge dich,

lächle und füge dich.

 

Die finanziell und räumlich arg beschränkten Verhältnisse am Jurasüdfuss erlauben es nicht, mit der grossen Kelle anzurichten. Die opulente Revueoperette schrumpft hier zum bescheidenen Kammerspiel ein. Undenkbar, dass vom Chor in Biel/Solothurn (Kostüme Anna-Sophie Lienbacher) eine Renaissance des Trachtenlooks ausgehen könnte, wie sich das nach der Berliner Uraufführung 1930 ergab. Sogar Marlene Dietrich legte sich damals ein Dirndl zu. Nun wirkt an der Solothurner Sonntagachmittagsvorstellung auch das Sinfonieorchester Biel Solothurn unter dem Nachdirigat von Francis Benichu eher blass.

 

s'ist einmal im Leben so,

allen geht es ebenso:

g'rad der allerschönste Traum

bleibt nur Schaum!

Himmelhoch jauchzend. 

Zu Tode betrübt.

Im Schnürlregen.