Die Kostüme: Fast die halbe Miete. © Alejandro Guerrero.

 

 

Edmond. Alexis Michalik.

Schauspiel.

Alexis Michalik, Juliette Azzopardi, Marion Rebmann. Théâtre du Palais-Royal.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. November 2021.

 

> Ludwig Tieck sagte: "Es ist schon eine Leistung, einen sechsbändigen Roman zu schreiben." Das klingt auf Anhieb überzeugend. Und wer's bezweifelt, kann's nachprüfen, indem er's macht. Das Analoge gilt fürs Theater: Es ist schon eine Leistung, eine Produktion fünf Jahre lang im Spielplan zu halten und das Haus Abend für Abend zu füllen. Dem Théâtre du Palais-Royal mit seinen 716 Plätzen gelingt's. Als Pariser Privattheater bezieht es keine Subventionen. Seine Geschäftsbasis liegt in der langen Lebensdauer der Produktionen. Nach zwei Jahren beginnen sie zu rentieren. Dafür müssen sie den GGN treffen (grösster gemeinsamer Nenner). In der französischen Welt bedeutet das "Cyrano de Bergerac". Kein Titel wurde bis heute mehr gespielt als die Heldenkomödie (so der Gattungstitel) von Edmond Rostand. Drei Tage nach der Uraufführung wurde der 29-jährige Autor schon in die Ehrenlegion aufgenommen. Und die heutige Produktion, die unter dem Titel "Edmond" Rostand und Cyrano zusammenbringt, errang nach der Uraufführung 2017 fünf Molières (französische Theater-Oscars): Fürs Privattheater, für den Autor, für den Regisseur (identisch), für den besten Nebendarsteller und die beste männliche Entdeckung (révélation masculine). Seither strömt das Volk von Paris ins Palais Royal zu "Edmond". <

 

Es ist schon viel erreicht, wenn man nichts falsch macht. Als Regisseur sorgt Alexis Michalik für eine flotte Szenenabfolge und solide Schauspielerleistungen, und Bühnenbildnerin Juliette Azzopardi für eine leichte, schnell umbaubare Dekoration. Wenn dann noch die Kostüme (Marion Rebmann) der Epoche entsprechen, ist die halbe Miete beisammen. Die andere Hälfte liefert die Geschichte: die Geschichte, wie es seinerzeit zum "Cyrano"-Erfolg kam, und die Geschichte, die Rostand in seinem Stück erzählt. Beide Geschichten sind heute bekannt. Das Publikum wird also nicht überrascht. Es wird bestätigt. Bestätigt in dem, was es schon weiss. Die Rückführung ins Altbekannte gibt in unsicheren Zeiten Halt und Heimatgefühl.

 

Während Alexis Michalik geradlinig erzählt, wie Edmond Rostand seinen Stoff fand und wie er das Drama im Lauf der Theaterproben entwickelte – vom Dreiakter zum Vier- und schliesslich zum Fünfakter, bekommt das Publikum auch Situationen mit, aus denen die berühmten Verse und Dialoge hervorgewachsen sein sollen, die viele im Saal auswendig kennen und innerlich mitsprechen können. An diesen Stellen wird es mäuschenstill. Man hört die famose Stecknadel fallen.

 

Da passiert es, dass der ältere Herr in der Loge nebenan seine Gattin anschubst, dann rüttelt. Nun steht er auf und beugt sich über sie. Doch die mollige Dame lässt sich nicht beirren. Ohne mit der Wimper zu zucken, starrt sie weiterhin mit offenen Augen auf die Bühne. Da realisiert man, dass sie einem Sekundenherztod erlegen sein muss. Still und schmerzlos hat sie die Vorstellung des Theaters verlassen, wie auch die des Lebens. Auf der Bühne aber sagt die Darstellerin der Roxane: "Was kümmert uns Schauspieler, was morgen ist. Wir leben in der Gegenwart. Ihr geben wir unsere ganze Kraft. Das ist unser Beruf."

 

Die Aufführung geht zuende. Der tödlich verwundete Cyrano hält den Degen hoch:

 

Je sais bien qu'à la fin vous me mettrez à bas ;

N'importe : je me bats ! je me bats ! je me bats !

 

(Ich weiss wohl, dass ihr mich am Ende zu Boden strecken werdet.

Egal: Ich kämpfe! Ich kämpfe! Ich kämpfe!)

 

Ein Schauspieler resümiert: "So war das an der Uraufführung vom 28. Dezember 1897, als sich die ganze Truppe verbeugte." Als sich nach diesen Sätzen am 19. November 2021 die ganze Truppe im Théâtre du Palais-Royal verbeugt und der Applaus losdonnert, fallen die Zeiten ineinander, und der Beifall wird zum Echo des vergangenen und zur Vorwegnahme des künftigen, und die Darsteller von Edmond, Cyrano und Roxane werden wie das Publikum zu Schaum auf dem Strom der Zeit, der die Meistertexte der Autoren weiterträgt in eine Zukunft ohne uns.

 

Die Schwärmerische, der Schöne, der Geniale. 

Die Dichter Rostand  und Feydeau. 

Und dazu eine Art Balkonszene. 

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